Entdecke den Schweden in Dir!

Von Christoph Walbergs

Für mich bedeutet Schweden in erster Linie Stille. Es ist so still, dass man es fast nicht begreifen kann. Ich sitze auf einem großen Felsen am Ufer und schaue mir diese Stille an, während die Sonne seit zwei Stunden untergeht, und diese ewige Abendstimmung erzeugt. Das klingt kitschig, lässt sich anders aber schwer beschreiben. So sehen Sonnenuntergänge in Schweden einfach aus.

Ich lege noch ein Stück Holz in die Glut und fange an die mitgebrachten Kartoffeln zu schälen. Bratkartoffeln mit Speck in der Muurika, einer finnischen Bratpfanne, und dazu frisch aufgebrühten Kaffee.

 

Während Zwiebeln, Speck und Kaffeebohnen meine Nase bezaubern, lehne ich mich zurück an eine Birke und lege die Füße hoch. Meine Wathose hängt über dem Ast einer Kiefer und trocknet.

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Ich nehme mir meine Fliegenbox und fachsimple für mich alleine, welches Muster ich morgen mal fischen könnte. Die Hechte waren heute eher zäh zu erwischen, aber das ist für mich Nebensache. Ich fahre, im Gegensatz zu früher, nicht mehr hierher um möglichst viele und möglichst große Fische zu fangen. Nicht, dass ich mich nicht über einen guten Fisch freue, oder mich auch mal ärgere, wenn zwei oder drei Tage mal gar nichts geht, aber es ist an diesem Ort nur noch nebensächlich. Ich habe Kollegen erlebt, die vor lauter Großwildjagd nichts von dem Land mitbekommen haben in dem sie waren und enttäuscht zurückgefahren sind, weil sie keinen Meterhecht gefangen haben. All denjenigen möchte ich eines ans Herz legen: „Enspanne, und entdecke den Schweden in dir.“

Schweden ist reich an Wasser, und sehr reich an Fisch, und noch reicher an umwerfender Natur und Freundlichkeit. Sicher ist die Wahrscheinlichkeit, einen Trophäenfisch zu fangen in Schweden größer als bei uns, weil es hier einfach mehr davon gibt, und weniger Angeldruck herrscht. Aber auch schwedische Hechte können zickig sein und auch hier muss man neben dem nötigen Können, auch das Glück haben das der eine Große genau dann beißen will, wenn man ihm nachstellt.

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Die Kartoffeln haben sich mittlerweile zu den Zwiebeln und dem Speck gesellt und ich stopfe mir eine Pfeife und paffe die ersten Züge rüber zu den Mücken.

Ich kenne diese Insel jetzt seit sechzehn Jahren und komme mindestens einmal im Jahr hierher. Ob Frühjahr, Sommer oder Herbst. Ich habe hier schon echte Sternstunden erlebt, aber mindestens genauso oft auch zähe Tage an denen man für jeden einzelnen Fisch hart arbeiten musste. Enttäuscht war ich dabei aber noch nie.

Ich bin wie jedes Jahr bei meinen Freunden in Västergötland zu Gast. In Västergötland sieht man sich einem schier endlosen Areal an Seen und Flüssen gegenüber, die wiederum eine ganze Menge an Fisch beheimaten. Zander, Barsch und natürlich der Hecht sind hier die Hauptbeute der meisten Angler. Aber auch Brassen, große Rotaugen und wunderschöne Schleien leben in den meist torfbraunen Gewässern, die die letzte Eiszeit hier zurückgelassen hat und sind definitiv eine ruhige Runde mit der Feederrute wert.

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Heute kann man relativ schnell einen guten Überblick über die Fischgewässer in Schweden bekommen. Mit „Ifiske“ haben die angelbegeisterten Schweden eine App entwickelt, mit der man schnell und einfach einen Überblick über die Gewässer erhält und die dazugehörige Angellizenz kaufen kann. Das funktioniert wenn man Handynetz hat, sogar im lappländischen Nirgendwo. Man kann mit dieser App die Urlaubsplanung so bereits gezielt zuhause beginnen. Wenn man sich ein Gewässer ausgesucht hat, kann man anschließend in der Region nach Ferienhäusern suchen, die in Schweden mehr oder weniger den gleichen meist anglergerechten, Standard aufweisen. Hier gibt es mit Andrees Angelreisen, Kingfisher, oder Novasol, um nur drei zu nennen, diverse Anbieter von Angelgerechten Häusern. Man sollte allerdings darauf achten, dass ein Boot zur Verfügung steht, sofern man kein eigenes mitbringt. An de meisten schwedischen Gewässern ist man ohne Boot ein wenig aufgeschmissen. Möglichkeiten ein eigenes Boot zu wassern gibt es an allen großen Seen. Nennenswert wären in Västergötland der Fegen, der Bolmen, und der Asnen. Die meisten Seen in Südschweden beherbergen eine Menge Hecht und Barsch und viele auch einen hervorragenden Zanderbestand. Hierzu muss man sagen, das das Timing der Reise entscheidend für den Fangerfolg sein kann. Wer Hecht fangen will sollte kurz nach der Eisschmelze im späten März oder April anreisen. Zander hingegen laufen von Mitte Ende Juni bis September hervorragend, wenn sie im Gewässer vorkommen.

 

Meine Pfeife im Mundwinkel, lasse ich den Blick übers Wasser gleiten. Im letzten Abendlicht kehrt ein Seeadler zurück zu seinem Horst. Er hatte offensichtlich mehr Glück als ich. Ich lasse mir meine Bratkartoffeln schmecken und lege mich in meinen Schlafsack.

Morgen Abend gibt’s ein Barbecue mit meinen schwedischen Freunden. Nach diesem mittlerweile zur Tradition gewordenen Abschiedsritus verlasse ich Västergötland und fahre einmal quer von West nach Ost in Richtung Schären.

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Schärengarten

 

Riesige Steaks, Kartoffelsalat, Rote Beete Salat und das legendäre Boston Gurka Relish, schwimmen zusammen mit Sauce Bernaise in meinem Magen, während ich über die schmalen holprigen Waldstrassen fahre. Ich fahre bewusst nicht direkt den schnellsten Weg sondern kurve gemütlich über die kleinen Strassen vorbei an Wasser und Wald. Es ist früh. Die beste Zeit, um Elche zu sehen. Einer meiner Freunde hier oben hat mir mal den Tipp gegeben, dass die beste Gelegenheit, einen dieser riesigen Hirsche zu sehen ganz früh am Morgen sei. Und dann am besten aus dem Auto auf den Waldstrassen. Also vorsichtig fahren.

Wenn man nach Schweden reist, sollte man nach dem Überqueren der Grenze den Entschleunigungsschalter in sich selbst bedienen. Die Zeitrechnung und auch die Entfernungen zwischen A und B werden hier anders gemessen. „Ein kleines Stück“ kann schnell mal drei Stunden dauern. Wenn man sich zum Fischen verabredet, ist es eher so, dass ein Zeitraum eingegrenzt wird, als dass eine Uhrzeit festgelegt wird. Gerade als Deutscher muss man sich daran gewöhnen, denn man wird die Schweden nicht dazu bringen sich unserem Stress anzupassen.

Ich lenke mein Auto auf die Bundesstrasse in Richtung Jönköpping und Husquarna. Die beiden Städte liegen am Südende des Vättern, dem zweitgrößten See Schwedens. Wenn man Richtung Schären fahren möchte, kann man die Route so legen, dass man an seinem östlichen Ufer vorbeifährt. Für jeden, der das erste Mal in Schweden ist, empfehle ich, diese Strecke zu fahren. Sie ist einfach traumhaft. Fast vierzig Kilometer begleitet einen dieses Binnenmeer auf einer stetig ansteigenden Strecke, die direkt nach Smaland führt. Smaland beheimatet all die Geschichten die man aus Kindertagen kennt. Astrid Lindgren ist hier nicht nur geboren, sondern auch die meisten ihrer Geschichten spielen hier.

 

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Ich fahre direkt nach Loftahammar. Ein Ort etwas oberhalb der (unter Anglern) berühmten Hafenstadt Västervik, dem selbsternannten Zentrum der Hechtfischerei in Europa. Loftahammar ist mitten im Archipel der Schären und ein verträumter kleiner Ort. Für alle Sportfischer fängt schon ab der ersten Bucht die man zu Gesicht bekommt der Puls an zu rasen und man würde sofort und überall die Rute schwingen wenn man könnte.

Und genau das ist die Herausforderung an diesem außergewöhnlichen Ort. Es geht nicht darum die Fische zu fangen, sondern erst einmal darum die Fische zu finden. „Jacks“, wie die kleinen Hechte unter einem Kilo in Schweden genannt werden findet man eigentlich überall, aber die großen Fische... Naja, warum sollte es hier anders sein. Der Schärengarten ist ein unbeschreiblich schönes Revier. Tausende Inseln und glasklares Ostseewasser mit Seegrass, Blasentang und endlosen Schilfkanten machen die Natur und das Fischen zu einem echten Erlebniss. Oft kann man den Hecht wie einen Torpedo ankommen sehen, bevor es in der Rute rappelt.

Neben Hechten gibt es hier selbstverständlich auch Barsche und Zander. Manchmal kann man sogar Meerforellen sehen. Um diesen Silbergeschossen auf die Pelle zu rücken, muss man allerdings die Plätze genau kennen. An der Tankstelle in Loftahammar, die gleichzeitig ein gar nicht schlecht sortierter Angelladen ist, bekommt man auch eine Auskunft über Hotspots. Ansonsten sollte man sich an einen der lokalen Guides wenden.

Wer Mitte Mai anreist kann mit grosser Wahrscheinlichkeit den Heringen nachstellen, der zu dieser Zeit massiv in die Buchten drückt um zu laichen. Das Hechtfischen kann dann schon mal träge werden, da das Nahrungsangebot enorm ist. Es kann wirklich an die Nerven gehen, wenn die dicken Mamas in den Buchten stehen, sich jedoch keinen Zentimeter bewegen.

 

Ich halte an der Stures Bageri in Loftahammar und hole mir ein paar Zimtschnecken und einen Kaffee. Nichts geht über schön matschige Kanelbulle und guten schwedischen Kaffee.

Die Fahrt war anstrengend, und jeder der einen Defender besitzt und oder mal einen besessen hat, wird mir Recht geben: „Es ist das beste Auto der Welt, aber nach vierhundert Kilometern spürt man von der Hüfte abwärts jeden Knochen. Bevor meine Reise weiter in Richtung Norden geht werde ich ein paar Tage in der Angellodge „Lucky Fish“ verweilen. Die Ferienhäuser liegen direkt an einer langen Bucht im Loftahammar Archipel und sind in ihrer Ausstattung bemerkenswert gut. Gegründet wurde diese Lodge 2011 von Susanne und Thomas, zwei Aussteigern aus dem Schwabenländle.

Die Beiden führen den Laden tiptop, und die Boote und Ausrüstung die einem bei Lucky Fish zur Verfügung stehen, sind erstklassig. Fünf meter lange Aluboote von Smartliner mit fünfzehn PS Motoren sind gemessen an den meisten Ferienhäusern keine alltägliche Ausstattung. Echolote und E Motoren sind ebenfalls erhältlich, wenn man sie bei Buchung mitbestellt. Man kann sogar die Angelausrüstung mieten. Die ist allerdings eher was für Gelegenheitsfischer. Ein weiteres Highlight ist das Profiboot, das man gegen einen Aufpreis buchen kann. Bugmotor, fünfzig PS und eine üppige Bordelektronik lassen keine Wünsche offen.

Thomas und Susanne sind zu jeder Zeit erreichbar und sehr hilfsbereit. Auch wenn man mal den PKW in den Graben der Einfahrt setzt, oder die Batterie am Boot leer ist, weil man das Echlot die ganze Nacht angelassen hat.

Dazu kommt die einzigartige Landschaft in der man sich bewegt.

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Ich liebe es das Boot vor Sonnenaufgang herzurichten und beim ersten Licht des Tages den kleinen Anleger zu verlassen. Eine heisse Tasse Tee und der Blick aufs GPS lassen einen schnell in eine echte Fischerromantik verfallen. Das Meer und ich. Ich denke an Hemmingway.

 

Am Abend des letzten Tages stehe ich auf dem Boot und fange mir ein paar Barsche für die Pfanne. Auch wenn man in Schweden fast überall Catch and release bevorzugt, hat niemand was dagegen wenn man sich ein oder zwei Fische mitnimmt um den Speiseplan aufzubessern. Wer allerdings mit Boxen voller Fisch nach Hause will hat hier nichts zu suchen und das zu Recht. Angeln ist ein Sport und man geht hier mit der Natur sehr sorgsam um. Die schwedische Sportfischervereinigung investiert jedes Jahr viel Geld aus Spenden in Renaturierung, Schutz und aufgeklärten Umgang mit der Umwelt und besonders mit den Flüssen und Seen. Fischen hat in Schweden eine Lobby und ist gesellschaftlich wesentlich besser anerkannt als bei uns. Vielleicht ist auch das ein Grund dass ich so gerne hierher reise. Diese Liebe zu Land und Natur und die Tatsache das ich nicht wie ein Ausserirdischer angeglotzt werde, wenn ich mit Wathose und Weste einen Supermarkt betrete. Natürlich gibt es auch in Schweden Probleme die gelöst werden müssen und es ist nicht alles Gold was glänzt. Dennoch bekommt man hier oben ein anderes Gefühl als bei uns zuhause. In Deutschland fehlt diese Verbundenheit, die bei uns eher eine Gleichkültigkeit ist. Ich kann Thomas und Susanne verstehen. Ich kann verstehen das sie Deutschland hinter sich gelassen haben.

Man kann Deutschland natürlich nicht mit Schweden vergleichen. Mehr Menschen in einem kleineren Land, aber manchmal wünsche ich mir ein bisschen mehr skandinavische Gelassenheit und Verständnis für unsere Natur.

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Mittlerweile sitze auf der Terrasse des Ferienhauses und blicke auf eine weite Bucht der Ostsee direkt vor mir. Thomas ist vorbeigekommen und wir trinken ein Bier zum Abschied, der auch dieses Mal wieder wehmütig ist.

Morgen werde ich nach Stockholm aufbrechen und ein paar Freunde treffen. Dicke hausgemachte Burger essen und Craftbier trinken. Danach gehts die Küstenautobahn zurück nach Trelleborg und dann mit der Fähre nach Deutschland. Es ist jedes mal ein wehmütiger Abschied wenn ich Schweden wieder verlasse, aber mit der Gewissheit dass er nicht für lange ist.

Im Herbst komme ich schon wieder. Dann gibts Steinpilze, Pfifferlinge, und jede Menge Stille.

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