Die Magie des Stechlin

Schon Theodor Fontane hatte sie beschrieben in seinem gleichnamigen Werk, die faszinierende Ausstrahlung des Stechlinsees in Brandenburg. Und Hechte sollen in dem grünen und doch so glasklaren Wasser ebenfalls ihr Unwesen treiben. Grund genug, sich mit ein paar Leuten zu einem langen Wochenende dort zu treffen.

Von Dirk Brichzi (Text) und Holger Koeppe (Fotos)

Ein Münchner, ein Magdeburger, ein Emsländer und ein Ruhrpottler verabreden sich zu einem Wochenende in Brandenburg – obwohl sie sich teilweise noch gar nicht kennen. So etwas gibt es wohl nur unter Anglern. Volker, Holger, Marius und ich wollen dem Großen Stechlinsee ein paar Geheimnisse und natürlich auch vor allem Fische entlocken an diesem ersten Maiwochenende des Jahres. Ob uns das gelingt? Schließlich waren die Wochen zuvor sehr kalt, und in diesem entlegenen Winkel Brandenburgs war es vielleicht noch ein wenig kälter als anderswo.

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Jedenfalls hält mich das nicht davon ab, den halben Tag und noch ein wenig mehr im Auto zu verbringen. Neue Leute kennenlernen, ein neues Gewässer – welcher halbwegs neugierige Mensch kann dazu schon nein sagen? Ich trudele am Donnerstagabend ein, Freitag soll es losgehen. Volker aus München, der in Brandenburg aufgewachsen ist, war schon vor mir da und hat die beiden großzügig und gemütlich ausgestatteten Ferienwohnungen direkt beim Fischer bezogen. Unsere heißen „Schlei“ und „Barsch“, wenn das kein gutes Omen ist!

Es ist schon etwas spät, aber wir machen uns noch auf zur Dorfschänke, um vielleicht noch einen Happen abzubekommen. Die Küche hat eigentlich schon zu, aber der Wirt bereitet uns trotzdem noch die famose Currywurst des Hauses zu, ein frisches Helles gibt es obendrauf. Und Hoffnung: Auf seinem Smartphone zeigt er uns einen 90+-Hecht, den ein Kumpel just am Vortag gefangen hatte. Noch ein weiteres gutes Omen! Volker und ich plaudern noch ein wenig in der Schänke, wir hatten uns vor ein paar Wochen beim „Tag der Barbenfreunde“ kennengelernt. Das jetzt ist ja so etwas wie das Wochenende der Hechtfreunde. Nur eine Fischart toll zu finden ist so 90er…

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In der Nacht erscheint mir im Traum der Rote Hahn, der auch etwas mit dem Fontane-Buch „Der Stechlin“ zu tun hat. Zum Frühstück gesellt sich Holger zu uns. Er war schon oft am Stechlin und hat hier schon einige Sternstunden erlebt. Der Fischer bremst ein wenig die Euphorie, die Hechte seien teilweise noch gar nicht mit dem Laichen durch, sagt er. Egal, wir schnappen und zwei Boote. Leider muss einer alleine los, und da Holger neuerdings auch die Fliegenrute schwingt, rudert er alleine in seinem Kahn.

Als wenn kein anderer jemals vom Stechlin gehört hätte, so leer ist es auf dem See, obwohl der Morgen schon weiter fortgeschritten ist. Ich mag Mitangler, die es gemütlich angehen lassen und nicht um 4 Uhr morgens aus dem Bett fallen und dringend raus auf Wasser müssen. Volker und ich fischen direkt die erste Bucht ab, wir sind keine Hardcore-Hechtangler, das sieht man schon an der überschaubaren und teilweise herrlich unmodernen Kollektion unserer Kunstköder. Die Haubentaucher haben gerade den Höhepunkt des Frühling-Hormonschubs erreicht, so scheint es mir, sie balzen und zicken, was das Zeug hält.

Schon nach ein paar Ruderschlägen und ein paar Würfen kann man sich der Ausstrahlung dieses Sees kaum noch entziehen. Rundherum die Wälder, das Wasser grün, aber klar, und so mache ich öfter eine Pause als sonst beim Angeln, lasse das Drumherum auf mich wirken und denke an den Text, den Chris Yates mal über den „Redmire Pool“ geschrieben hat, dem vielleicht berühmtesten Karpfengewässer der Welt. Es komme immer darauf an, in welcher Stimmung sie sei, schrieb er, und mit „sie“ meinte er den Redmire Pool, es gebe Momente, da präsentiere sie sich düster und ablehnend, aber auch Momente, da lade sie einen förmlich ein, und man wisse als Angler, dass nun alles möglich sei.

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Seen und ihre Ausstrahlung – ein in der deutschen Angelmagazinlandschaft noch viel zu unerforschtes Feld. Der Große Stechlin hat auf jeden Fall eine ganz eigene Ausstrahlung, vielleicht auch, weil er gar nicht so groß ist, wie sein Name vermuten lässt. Es gibt im Prinzip drei Seeteile, wir sind drei Tage hier, das passt hervorragend. Im ersten Teil fahren wir eine vielversprechende Stelle nach der nächsten ab, aber noch lässt sich kein Fisch blicken. Ein großer Schwarm kleiner Rotaugen ist das einzige, was wir bis zum Mittag zu Gesicht bekommen. Ob die Hechte ob der Kälte lieber tiefer stehen? Oder haben ihnen die Temperaturen vollends den Appetit verdorben? Fragen, mit denen man sich eine Mittagspause lang beschäftigen kann.

Wir probieren alles aus, was unsere Köderkisten hergeben, Holger versucht es mit der Fliege, Großködern oder auch dem Barschwobbler, aber kein Zupfer, nichts. Zeigt sich der Stechlin gerade von seiner ablehnenden Seite? Oder können wir ihm keinen Fisch entlocken, weil wir nicht wissen, was der Rote Hahn damit zu tun hat, der beim Fischer auf den See schaut? Offensichtlich hat keiner von uns das Buch von Fontane gelesen, oder es ist zu lange her. Auch Marius nicht, der abends eintrifft. Dafür hat er sicherlich noch Sachen im Köderarsenal, die noch kein Stechlinhecht gesehen hat, da bin ich mir sicher.

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Beim Grillen werden Strategien für morgen entworfen. Marius hält nicht viel von kleinen Ködern für große Hechte, so viel ist nach einem Blick in seine Altglascontainergroßen Köderboxen klar. Manche Leute denken, weil ich oft ein bisschen Oldschool fische, kann ich modernen Ködern nichts abgewinnen. Aber mir zollt es immer großen Respekt ab, wenn Leute wie Marius nicht nur eine große Auswahl haben, sondern zu jedem Köder nicht nur die genaue Bezeichnung wissen und dazu die Farbe, sondern auch noch eine Geschichte dazu erzählen können. Morgen ist ein neues Tag, und es sollte mit dem Teufel oder dem Roten Hahn zugehen, wenn wir dem Stechlin keinen Fisch entlocken können!

Aber ein gemütliches Frühstück lassen wir uns nicht entgehen, auch wenn Marius ein wenig hibbelig ist. Er sitzt oder besser steht mit Volker im Boot, Holger und ich rudern ein wenig voraus. Es ist immer wieder die spannende Frage: Wann kommt der Anruf mit der Fangmeldung? Wir melden uns bei den beiden anderen zweimal ohne Fang, aber dann kommen endlich die ersehnten Worte: Hecht, 67 Zentimeter, gefangen von Marius auf einen dicken Gummifisch. Na also, es geht doch! Auch bei uns ist die Motivation jetzt umso größer.

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Wir fischen nun die Kanten ab, an denen das Wasser teilweise schon bis auf zehn Meter runtergeht. Holger staunt ein wenig über meine vielen Pausen, aber ich erzähle ihm etwas darüber, dass man so ein Gewässer auf sich wirken lassen muss. Kaum gesagt, reißt es auch mich aus meiner Pause, denn Holger hat unseren ersten Hecht am Haken! Auf knappe 70 Zentimeter schätzen wir ihn, ein weißer Gummifisch wurde ihm zum Verhängnis. Geht da noch mehr?

In der nächsten Bucht rappelt es dann tatsächlich bei mir. Ein Blinker in silber, klassischer geht es kaum, auch wenn der Hecht kaum die 45 Zentimeter überschreitet. Marius hat im anderen Boot auch nochmal mit einem kleineren Exemplar nachgelegt. Man muss sich nur auf ihn einlassen, den Stechlin, dann zeigt er sich einem von seiner freundlicheren Seite. Später kann auch Volker seinen Hecht verbuchen. Insgesamt gehen uns sieben Stück an den Haken, vier bei Marius und jeweils einer bei den drei anderen. Sehr schön, da schmeißen wir den Grill wieder an!

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Ein wenig mehr Herausforderung soll für den nächsten Tag her. Holger hat sich Reduktion auf die Fahne geschrieben, und so darf er statt einem halben Dutzend Köderboxen morgen nur 20 Köder mitnehmen, die die anderen aussuchen dürfen. Zehnmal „Big Bait“, zehn „normale“ Köder. Wir sind gnädig und suchen fängige Exemplare heraus. Aber was heißt hier fängig? Wenn der Stechlin nicht wohlgesonnen ist, dann wird das nichts mit den Hechten, das haben wir in den vergangenen beiden Tagen erlebt. Einen langen halben Tag haben wir noch, Volker macht sich leider schon nach dem Frühstück auf den Weg nach Hause.

Holger, Marius und ich setzen auf die Gemeinschaft und hocken uns zu dritt in ein Boot. Die Sonne kommt heraus, der Stechlin wirkt klarer, einladender, wohlgesonnener. Ob die Hechte das wissen? Vielleicht ist ihnen das Wetter schon zu freundlich, denn den Driftsack hätten wir am Ufer lassen können, so wenig Wind weht. Nach ein paar erfolglosen Versuchen an neuen Stellen kehren wir zu den Erfolgsstellen des Vortages zurück. Drei Leute, zig Würfe, alle Arten von Ködern, da muss doch was gehen!

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Stunde um Stunde vergeht, die Sonne wärmt das Gesicht und die Körper, aber die Hechte dösen offensichtlich vor sich hin. Nicht ein Zupfer, nicht mal einen Gnadenhecht gönnt uns der Stechlin an diesem Sonntag. Aber warum sollen wir uns grämen? Wir haben wundervolle Tage erlebt, der See hat uns ein paar Fische geschenkt, und mittags dösen wir erst auf dem Boot in der Sonne und später noch auf einer Bank beim Fischer und lassen und Fischbrötchen und das letzte Getränk des Wochenendes schmecken.

Und was es mit dem Roten Hahn auf sich hat? Das weiß ich immer noch nicht. Vielleicht sollte ich mal das Buch von Fontane lesen. Oder einfach bald wiederkommen, um dieses Geheimnis zu lüften. Und den Stechlinsee dann zu erleben, wenn er uns Anglern ein paar Momente gönnt, in denen wir wissen, jetzt kann alles passieren. Wahrscheinlich müssen wir ihn bis dahin einfach ein wenig besser kennenlernen.

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INFO


FISCHEREI STECHLINSEE
Fischerweg 3
16775 Stechlin
Tel. 033082 70422
fischerei-stechlinsee.de


Tageskarte 8 Euro
Drei-Tages-Karte 15 Euro
Wochenkarte 20 Euro
Monatskarte 30 Euro
Boot 15 Euro pro Tag


Die vier Ferienwohnungen
gibt es ab 30 Euro pro Nacht.

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