Ein Sommer auf Island

 

Unser Autor Marcel Winkens verbrachte den Juni und Juli 2016 auf Island. Mit der isländischen Angelkarte „Veidikortid“ ausgestattet, erlebte er zwei Monate lang spannende Angelei auf Forelle und Saibling für kleines Geld und gibt Tipps, wie man Gewässer-Nieten von Hauptgewinnen unterscheiden kann.

Vier Monate frei - „Sabbatical“, wie man neudeutsch so schön sagt. Das klingt doch verlockend oder? Dachte ich mir auch, und da dies bei meinem Hauptarbeitgeber möglich ist, nahm ich letzten Sommer von Mai bis August frei.

Der Plan, was ich in der Zeit machen wollte, war schnell geschmiedet. Mit Pick-up-Geländewagen und Wohnwagen nach Island, zu den wilden Forellen und Saiblingen. Und endlich mal an die isländischen Gewässer zu fahren, die mit normalen Autos nicht zu erreichen sind und dann gleich für mehrere Tage da bleiben. Campen, Angeln, Grillen, Lesen, Faulenzen, eben all die Dinge, die im Alltag viel zu kurz kommen.

Mit der Fähre ging es Ende Mai von Nord-Dänemark vorbei an den Shetland- und Färöer-Inseln auf die Eis-Insel. Bei meiner Ankunft am 31. Mai lag tatsächlich noch Schnee bis hinunter ins Tal von Seydisfjördur, der Hafenstadt. Doch der Sommer hatte schon ausreichend Kraft, und ein stabiles Hochdruckgebiet sorgte dafür, dass die Schneegrenze Tag für Tag nach oben rutschte.

Mein anglerischer Plan für diese Tour war es, die Salmonidenfischerei mit Fliege und Spinner in den entlegeneren Gebieten Islands weiter zu erkunden. Eine Route um die Insel im Uhrzeigersinn von Gewässer zu Gewässer war schnell zusammengestellt. Hilfreich war dabei das Begleitbuch der Veidkortid (siehe Infobox). Ein paar freie Gewässer, die nicht zur Angelkarte gehören, für die es aber Angelscheine bei den anliegenden Bauern gibt, wollte ich außerdem befischen.

Das erste Angel-Gewässer der Reise war der Skriduvatn, ein See samt Zulauf über den Fluss Öxara, malerisch im Osten inmitten karger Gebirgslandschaft gelegen. Bei bestem Wetter kamen wir um die Mittagszeit an, doch die Fische waren bei so grellem Sonnenlicht scheinbar nicht beißwillig. Oder sie waren einfach noch nicht in den Fluss aufgestiegen, denn zwei Stunden Fliegenfischen brachten nicht einen Biss und steigen sah ich auch nichts.

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Naja, das kann einem in Island schon mal passieren, die Fische halten sich jahreszeitlich an unterschiedlichen Stellen im Fluss, im See oder sogar im Meer auf. Wo kein Fisch ist, fängt man auch keinen, da kann das Gewässer noch so traumhaft aussehen. Keine neue Erfahrung, aber auch keine entmutigende. Ich würde meine Fische schon noch fangen, und so ging die Reise bei 23 Grad weiter (23 Grad ist übrigens für den Isländer wie 38 Grad bei uns ist – da fallen alle Hüllen).

Das zweite Gewässer im Südosten Islands war für mich ein guter Bekannter. Der See Sveit liegt direkt an der Ringstraße im Südosten bei der Ortschaft Höfn und nahe am Meer, mit dem er über verschiedene Wasserläufe verbunden ist. Hier hatte ich bereits in der Vergangenheit gute Fänge erzielt, mal Bachforellen, mal Meerforellen, oder auch beides zusammen. Der See bietet grandiose Ausblicke auf die kalbenden Gletscherzungen des Vatnajökull, Europas größtem Gletscher. Fast hat man das Gefühl, direkt mit den Füßen in der Gletscherlagune zu stehen, so nah wirken die Eiszungen.

Während des nordischen Sommers muss man den Angelrhythmus anpassen, denn schließlich ist es 24 Stunden hell. Bei prallem Sonnenschein geht tagsüber oft nur wenig, das bewahrheitete sich auch auf dieser Reise, und das hatte ich ja schon an der Öxara feststellen dürfen. So zog ich erst nach Einbruch der Dämmerung gegen 23 Uhr abends los und konnte bis morgens um 3 Uhr auch einige schöne Bachforellen und einzelne kleinere Meerforellen mit Fliege und Spinner fangen. Vier Bachforellen traten die Heimreise mit an und fanden sich am nächsten Tag auf unserem Holzkohlengrill wieder, lecker gewürzt und gut eingepackt in Alufolie.

024_So friedlich liegt der Thingvallavatn selten, meist hat er ziemlich Wellengang.JPG

Vom Geschmack und der Festigkeit des Fischs sind die Forellen nur schwerlich mit heimischen Fischen zu vergleichen. Die meerwandernden Exemplare sind innen lachsrot, der Fisch ist muskulöser und viel fester, und die frische Meeresbrise tut wahrscheinlich ein Übriges, um die Forellen zu wahren Delikatessen werden zu lassen. Eine einfache Zubereitung reicht, und ein Einweggrill kann dabei auch gute Dienste leisten (siehe Rezept).

Der nächste See hieß Vikurvlöd und liegt im mittleren Süden bei der Ortschaft Kirkjubaerklaustur. Der Vikurflöd ist malerisch in eine Dünenlandschaft eingebettet. Schilf stand am Rand und irgendwie erinnerte er mich mehr an einen norddeutschen Moorteich, er passte so gar nicht in die isländische Landschaft, viel zu lieblich. Ich probierte es tagsüber bei der ersten Visite mit Spinner und fing reichlich: Armleuchter-Kraut, Algen und sonstiges Wassergemüse. Fisch? Fehlanzeige! Ich sah auch nichts steigen. Also einfach einpacken, das Touri-Programm abspulen und später wiederkommen. Abends gegen 23 Uhr fuhr ich dann zum ernsthaften Fischen wieder an den See. Da lag er im leichten Abenddunst, als hätte Caspar David Friedrich noch mal zum Pinsel gegriffen und ein Spätwerk der romantischen Malerei vollendet. Was für ein Idyll, das passte jetzt noch weniger zu Island als am Mittag. Das schien den Saiblingen aber egal zu sein, denn ein schöner Fisch von etwa 50 Zentimetern und etwa drei Pfund machte den Anfang. Ich hatte ihn beim Jagen beobachtet und dann sauber mit der Fliege angeworfen , sah die Bugwelle auf meine Fliege zukommen, bevor ich einen rabiaten Einschlag im Handgelenk spürte: pure Gewalt der Natur, Atemstillstands-Kopfkino und zugleich Angeln mit Hochpulsgarantie.

034_Naechtliche Großforelle, auf der Sandbank gefangen.JPG

Nach drei „Aufwärm-Gewässern“, sollte es bei Gewässer vier endlich ernst werden. Der Thingvallavatn, Islands größter natürlicher See, stand auf dem Programm. Dieser See ist in der weltweiten Angelpresse kein Unbekannter mehr. Er wird wegen seiner Riesenforellen ein bisschen arg gehyped. Fische bis zu 1,10 Meter wurden hier schon gefangen. Doch diese lassen sich vor allem im März und April fangen, danach rücken Sie weiter vom Ufer ab in tiefere Regionen und sind mit Fliege und Spinner kaum noch zu fangen, von einzelnen privaten Angelstellen mit horrenden Preisen einmal abgesehen. Dafür kommen die Saiblinge näher ans Ufer.

Vier verschiedene Arten von Saiblingen gibt es im See. Zwergsaiblinge sind mit ihren 15 Zentimetern für Anglern uninteressant. Der normale Seesaibling erreicht etwa 45 Zentimeter, Murrta-Saiblinge, die es nur hier gibt und die im Freiwasser leben, erreichen etwa 35 Zentimeter. Die muschelfressende, am Grund lebende Variante wird bis zu 80 Zentimeter groß und bringt dabei im Schnitt 3-6 Pfund auf die Waage, in extremem Fällen bis 15 Pfund.

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Die Angelei ist nicht allzu schwierig: Schwere Nymphen, die die Muscheln nachbilden, werden grundnah in etwa drei Meter Wassertiefe mit der Fliegenrute angeboten. Mit Bissanzeiger versehen, wird die Montage nach dem Absinken ganz langsam eingezupft. Ein bisschen habe ich mich bei dieser Angelei gefragt, ob man das Ganze nicht mit Matchrute, Waggler und exakter Auslotung verbessern könnte, denn das weite Auswerfen mit der Fliegenrute gegen den oft strammen Wind war schon sehr beschwerlich, ebenso wie das stundenlange Waten im eiskalten Seewasser über algenbewehrte Basaltlavablöcke. Einige meiner Angelkumpels hätten bestimmt schon längst die Sitzkiepe aufgebaut. Aber es sollte ja ein Männerurlaub sein, deswegen: frieren, Fresse halten, fangen.

Mit dem Fang des ersten Tages, drei großen Muschelfressern und vier kleinen Murrta-Saiblingen, ging es zum Campingplatz. Und welch eine Offenbarung, die Muschelfresser waren sehr leckere Fische, keine Frage, aber die kleineren Murrta-Saiblinge sind eine nicht gekannte Delikatesse. Ihr Fleisch ist weicher und goldfarbener, nicht so lachsfarben wie bei den größeren Verwandten. Es hat eine süßliche, an Honig erinnernde Note und schmeckt einfach wunderbar. Im Laufe der nächsten Woche fing ich viele schöne Saiblinge bis sechs Pfund, doch für die Küche gingen immer nur ein paar Murrtas mit nach Hause.

Fazit: Der Thingvallavatn ist zwar längst kein Geheimtipp mehr, er bleibt aber ein Ausnahmegewässer, das nur 45 Autominuten von der Hauptstadt Reykjavik entfernt ist und in einem wunderbaren Nationalpark liegt, direkt auf dem Graben zwischen der europäischen und amerikanischen Kontinentalplatte. Er ist definitiv auch nur für sich eine Reise wert. Man trifft hier auf genug andere Angler, von denen man gute Tipps bekommen kann, was im Moment wo und mit welchem Köder beißt, und bei den Nationalpark-Rangern kann man sogar zum fairen Kurs die notwendigen Nymphen erstehen.

Ich setzte die Reise fort Richtung Nordwesten. Insgeheim wünschte ich mir ja, auf dieser Reise einmal einen Lachs in einem See zu fangen. Bei Auwa Thiemann in „Fish ´n´ Fun“ hatte ich mal gesehen, wie ein paar blutige Anfänger im Westen Islands mit der Angel auszogen und tatsächlich auch zwei Lachse fingen, mit Spinner. Sah gar nicht so schwer aus. Lachse gibt es angeblich in insgesamt acht Gewässern, die mit der Angelkarte zu befischen sind. Alle acht kriegten in der Broschüre deshalb von mir ein Sternchen und kamen auf die Reise-Liste. Ich habe Sie auch alle befischt. Aber wahrscheinlich war ich im Juli noch zu früh. Für mich waren diese Gewässer jedenfalls acht Nieten, an sechs von ihnen fing ich gar nichts, an den anderen nur kleinere Fische. Ich habe nicht einen Lachs gesehen, auch nicht bei anderen Anglern. Zudem standen die Lachsgewässer allesamt unter hohem Angeldruck, etwas, was man bei den Gewässern, in denen es „nur“ Forellen oder Saiblinge gibt, so nicht erlebt. Wieder mal die klare Botschaft: „Du kannst nur dann eine bestimmte Fischart fangen, wenn sie auch gerade im Gewässer ist und nicht noch im Meer herumstreift.“

Die Hauptgewinne hingegen sind auch in Island die Gewässer, die nur schlecht zu erreichen sind, wenig bekannt sind oder weitab vom Schuss liegen, sieht man mal von zwei bis drei Ausnahmen ab, die direkt an der Ringstrasse liegen und trotzdem immer gute Fänge liefern. Und gute Forellen und Saiblinge mit Stückgrößen zwischen 35 und 60 Zentimeter gibt es in vielen Gewässern der Veidikortid. Von den Reisezeiten empfiehlt sich ab Ende Mai der Süden, ab Mitte Juni der Westen und Norden und ab Mitte Juli erst der Osten Islands zum Angeln.

039_nordisländischer See mit Zufluss, lieferte die letzten Saiblinge.JPG

Wer es auf Lachse und meerwandernde Saiblinge abgesehen hat, kann ab Mitte Juli bzw. Anfang August in den Veidikortid-Gewässern sein Glück versuchen. Wer tiefer in die Tasche greift, kann darüber hinaus an den exklusiven Lachsflüssen Nordura und Blanda teilweise sogar schon ab Anfang Juni Lachse fangen. Aber mit 1000 Euro sollte man da schon pro Tag rechnen, definitiv nicht mein Preisniveau. Aber immerhin fing der Musiker Eric Clapton, nur wenige Wochen nachdem ich aus Island zurück war, in der Langa, dem Abfluss des Langavatn, Islands größten Lachs 2016 mit 108 Zentimetern. Das Bild ging durch die sozialen Medien. Der Langavatn darf mit der Veidikortid befischt werden, aber für mich war er im Juli eine Niete. Wer weiß, ein paar Wochen später in der Saison, kann er vielleicht der Hauptgewinn sein, es kommt auf einen neuerlichen Versuch an…

 

Outdoor-Menü: Frische Forelle in Alufolie vom Einweggrill

Forelle(n), Salz, Pfeffer, Butter oder Olivenöl, Zitrone, Thymian und Rosmarin frisch oder aus dem Streuer, Küchenrolle, Alufolie, Einweggrill

Als allererstes: Den Einweggrill anzünden, der braucht so 20-25 Minuten, um auf die richtige Temperatur zu kommen. Forellen ausnehmen und waschen. Mit Küchenrolle innen und außen trocken tupfen. Anschließend etwas Olivenöl in die Bauchhöhle träufeln, dazu Rosmarin und Thymian als Zweige in die Bauchhöhle legen oder getrocknet streuen. Zitrone in Scheiben schneiden, diese Halbieren und ebenfalls in die Bauchhöhle legen.
Fische dann einzeln in Alufolie einpacken. Idealerweise den Fisch etwa anderthalbfach umwickeln, so kommt genug Wärme dran und gleichzeitig kann nichts auslaufen. Portionsforellen in Pfundgröße etwa von jeder Seite 10 Minuten auf dem Grill liegen lassen ohne sie zwischendurch zu wenden. Der Einweggrill hat für Fisch den Vorteil, dass es nicht zu heiß wird, der Fisch kann garen ohne zu verbrennen und bleibt schön saftig.

 

Infobox Veidikortid

Die Isländische Angelkarte wird in ganz Island von der Tankstellenkette N1 vertrieben, die es fast überall gibt. Für etwa 50 Euro erhält man ein ganzes Jahr Zugang zu etwa 40 Gewässern. Neben der checkkartengroßen Angellizenz gibt es einen Aufkleber für das Auto (der bei Kontrollen zumeist schon reicht) und eine Broschüre, in dem jedes Gewässer auf Isländisch und Englisch beschrieben ist, samt Anfahrt, Lageplan, Fischarten, Angelzeiten, Kontaktperson, Zugangsbedingungen (manchmal gibt es Listen oder man soll kurz beim Bauern Bescheid sagen), herrschenden Einschränkungen und geographischer Karte.

 

Nieten oder Hauptgewinne – Elf Faustregeln beim Angeln mit der Veidikortid

  1. Je näher an der Hauptstadt Reykjavik, desto eher ist das Gewässer eine Niete. Grund ist der Befischungsdruck.

  2. Wo nichts weghuscht oder springt, ist auch nichts. Gucken Sie ins Wasser. Wo Sie keine Fische sehen, ist ein Schneidertag nicht unwahrscheinlich.

  3. Lachsgewässer haben ein schmales Fenster zum Ende der Saison. Die meiste Zeit ist kein Lachs in diesen Gewässern. Oft sind die Stellen, von denen man Lachse fangen kann, in privater Hand. Wenn Sie es ernst meinen mit der Lachsangelei, wird dies ein tiefer Griff ins Portemonnaie.

  4. Je besser die Verkehrsanbindung und die Infrastruktur (Unterkünfte, Ortschaften in der Nähe), desto eher ist das Gewässer eine Niete.

  5. Es gibt Spinnfischgewässer und Fliegengewässer, nur an wenigen Gewässern fängt beides gut. Werden Sie am See von Fliegen heimgesucht? Dann ist beim Spinnfischen oft nichts zu holen, setzen sie auf kleine Fliegen oder Nymphen in Größe 12-14. Haben sie steinigen Untergrund, wenige Wasserpflanzen und wenige Fliegen, greifen sie zum Spinnköder.

  6. Unterkünfte, die mit tollen Angelmöglichkeiten werben, haben meistens Nieten als Gewässer, es wird nicht besetzt und die Fische sind entweder zu schlau oder schon weg.

  7. Fragen hilft. Meistens ist an den abgelegeneren Gewässern klar, dass der einzige Bauernhof, den man sieht, auch den Gewässerbesitzern gehört. Einfach mal hinfahren, höflich fragen, ob man vielleicht angeln darf und ein paar isländische Kronen bereithalten, so entdeckt man die tollsten Gewässer, die nirgendwo beschrieben sind.

  8. Schön heißt nicht gleich fängig, hässlich heißt nicht gleich fischleer. Ich erinnere mich noch gut an einen ungepflegten Entwässerungsgraben, ausgebaggert im Norden Islands, der in einen großen Lachsfluss abfloss. Er war randvoll mit guten Bachforellen, für die sich noch nie jemand interessiert hatte, Angelei vom Feinsten, frei nach dem Motto: Gute Lachse kommen in den Himmel, böse Bachforellen kommen überall hin.

  9. Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da, die Nacht ist da, dass was geschieht. Verlagern Sie Ihren Tagesrhythmus. Erfolgversprechende Angelei beginnt ab 22 Uhr im Sommer. Nutzen Sie den Tag mit der Familie, die Hauptgewinne habe ich allesamt um oder nach Mitternacht gefangen, es ist dann immer noch sehr hell im Juni und Juli.

  10. Je heller der Tag, desto unwahrscheinlicher ein guter Fang. Bewölkte Tage sind vielversprechender.

  11. Ausnahmen bestätigen die Regel.