Die Dinge des Lebens

Ein Urlaub in Norwegen hat viel mehr zu bieten als nur Angeln und volle Filetkisten. Unsere Autorin Anja Steinbrück, Frau eines eingefleischten Anglers, erzählt vom letzten Familientrip ins Land von Fjell und Fjord.

Fotos: Anja und Tobias Steinbrück

Wir verbringen die schönste Zeit des Jahres am liebsten in Norwegen, denn hier kommt jeder auf seine Kosten – nicht nur das angelbegeisterte Familienoberhaupt. Denn ein Urlaub in Norwegen hat weitaus mehr zu bieten als geführte Angeltouren und proppenvolle Filetkisten. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass wir Land und Leuten viel näher kommen, wenn wir alles auf eigene Faust erkunden und uns eben nicht auf eine durchgeplante Guiding-Tour verlassen. Und mal ehrlich – einen wild lebenden Fisch an der Angel zu haben, der quasi nicht auf einem Silbertablett serviert wurde, der wirklich nur aus eigener Kraft und Geschicklichkeit am Haken zappelt, ist doch viel mehr wert. Er erzählt seine eigene Geschichte und liegt nicht nur gebraten auf dem Teller.

Dieses Gefühl von Freiheit, die einmalige nordische Art zu Leben und pure Abenteuerlust ließen uns auch im letzten Jahr erneut die Landkarte Norwegens neugierig studieren. Nach einigen Trips von Süd- bis Mittelnorwegen – meist im späten Frühjahr – entschieden wir uns zur Abwechslung für eine Reise im goldenen Herbst an den längsten, tiefsten und geheimnisvollsten Fjord Europas – den Sognefjord. Mit bis zu 1300 Meter Tiefe schlängelt sich der Meeresgraben, umgeben von bedrohlich aufragenden Felswänden, über 200 Kilometer in das Landesinnere. Die dramatische Natur dieser Region ist hier die größte Attraktion und gehört zu den schönsten Urlaubszielen der Welt.

Der tiefblaue Fjord beheimatet viele verschiedene Fischarten. Dorsch, Seelachs, Heilbutt, Heringe, Rotbarsch, Leng, Makrele, Schellfisch und Meerforelle lassen auf den Fang des Lebens hoffen. Doch sollten wir uns von der Artenvielfalt nicht täuschen lassen. Das Sognefjord mit seinen zahlreichen Seitenarmen ist ein Angelrevier für Fortgeschrittene. Eine Vielzahl von majestätischen Wasserfällen bedingen den von der Küste aus schleichend abnehmenden Salzgehalt des Fjordwassers. Das bedeutet, je weiter sich das Urlaubsziel im Landesinneren befindet, umso schwieriger wird es, Fische zu finden. Es gehört viel Fingerspitzengefühl, Erfahrung und Glück dazu, die Fischschwärme in den Weiten des Fjordes ausfindig zu machen und in der richtigen Tiefe abzupassen. Wir ließen uns von dieser eher schlechten Prognose aber nicht beirren und stellten uns optimistisch der Herausforderung. Eine volle Filetbox war sowieso nicht unser Ziel.

 

Ruhe genießen und auf das Wesentliche besinnen.JPG

Unsere Reise nach Norwegen begann, wie üblich, mit dem obligatorischen Zwischenstopp am Norwegenkai im Kieler Hafen. Hier wartete schon die „Colorline“ auf uns. Die Überfahrt nach Oslo war bereits das erste Highlight für die gesamte Familie. Sobald wir die klare Seeluft schnuppern konnten, setzte die Vorfreude auf die kommenden zwei Wochen so richtig ein. Euphorie machte sich breit. Nach dem unkomplizierten Boarding, einem hervorragendem Essen am Schlemmerbuffet und erholsamen Nachtstunden in der gemütlichen Kajüte starteten wir ausgeruht in den siebenstündigen Roadtrip Richtung Laerdal. Die Fahrt durch Norwegen ließ keine Langeweile aufkommen. Die stetig wechselnden Landschaften forderten unsere volle Aufmerksamkeit und ließen jeden von uns immer wieder staunen.

Angekommen an unserer gemütlichen Unterkunft direkt am urigen Aurlandfjord und umrahmt vom majestätischen Fjell konnte unser Urlaub bei strahlendem Sonnenschein sofort beginnen. Wir warfen unsere Pilker aus und fingen uns gleich am ersten Abend ein festliches Mahl mit frisch gebratenen Makrelen. Doch die waren wohl eher ein Glückstreffer. Denn im Laufe der zwei Wochen mussten wir uns jeden einzelnen Fisch mit viel Geduld und Einfallsreichtum hart erkämpfen. Der von uns auserkorene Seitenarm des Sognefjordes, das Aurlandfjord, liegt etwa 150 Kilometer von der Küste entfernt, ist knapp 30 Kilometer lang und gehört zu den malerischsten Fjorden der Welt. Umgeben wird der Fjord von bis zu 1400 Meter hohen, mit Schnee bedeckten Bergen, von denen sich tosende Wasserfälle in das Fjord stürzen. Ein märchenhafter Anblick! Schweinswalfamilien und stattliche Robben zogen ihre Bahnen durch das klare Wasser. Hier waren wir richtig.

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An jeden Abend und jeden Morgen erkannten wir durch aufgebrachte Möwenschwärme, dass sich Unmengen von Makrelen unserem hauseigenen Bootssteg näherten. Die Möwen waren wie ein unüberhörbares Signal aus der Luft, das bis zu uns hinein ins Schlafzimmer hallte. Ein Wecker für Angler sozusagen. Mit einer leichten Spinrute mit einem Wurfgewicht bis zu 60 Gramm und dünner 0,30 Millimeter Monofilschnur oder einer 0,20 Millimeter geflochtenen Schnur warfen wir die leichten Pilker vom Bootssteg aus. Schon in der taumelnden Absinkphase stiegen die Makrelen darauf ein. Das ganze Spektakel der erfolgreichen Makrelen-Angelei fand in sehr kurzen, aber intensiven Zeitfenstern von maximal 20 Minuten statt. Es war eine große Kunst, genau diese 20 Minuten abzupassen.

Mit einer schweren Pilk-Rute in Kombination mit Paternoster sowie einem schweren Pilker war es möglich, in den großen Tiefen zur Abwechslung vom Boot aus auf Leng zu fischen. Da uns diese Angelmethode zu monoton war, schenkten wir ihr nur sehr wenig Aufmerksamkeit und konzentrierten uns vielmehr auf das Angeln vom Ufer mit leichtem Gerät. Bunte Lippfische, schmackhafte Dorsche und Seelachs waren neben den Makrelen die Krönung einer abwechslungsreichen Uferfischerei. Ganz gleich, ob von Felsen, Bootsanlegern oder Schwimmstegen – wir fanden immer einen Ort zum Angeln.

Vom Bootsanleger aus starteten wir mit Grundbleimontagen und Makrelenfischfetzen einen gewagten Versuch auf die Räuber der Tiefe. Schon nach kurzer Zeit bekamen wir prompt Attacken auf die ausgelegten Fischfetzen. Bis heute blieb uns die Fischart aber in den Tiefen des Fjords verborgen, denn alle Versuche, sei es mit 0,50 Millimeter Monofilschnur oder auch mit Stahlvorfächern, scheiterten, weil die Vorfächer beim Drill rigoros durchgebissen wurden.

Seesterne und Lippfische konnte man vom hauseigenen Steg aus beobachten.JPG

Die erfolgreichsten Köder blieben also auffällig gefärbte Gummifische und kleine Pilker in roten und grünen Farbtönen. Es war jedes Mal ein spannendes Erlebnis, wenn sich die Lippfische für unsere Gummifische interessierten. Sie verfolgten sie, inspizierten sie und schienen uns oft zu durchschauen. Das Angeln auf diese Fischart war wie ein Krimi, der nur mit viel Geschick und dem nötigen Glück ab und zu ein Happy Ende hatte.

Die angelfreie Zeit nutzten wir schließlich zur Erkundung der umliegenden Gegend. Wir tauchten in die Zeit der Wikinger ein und besuchten eine der eindrucksvollsten Stabkirchen Norwegens und das Njardarheimer Wikingerdorf am inneren Ende des als Weltkulturerbe deklarierten Nærøyfjords. Mehrmals passierten wir den scheinbar nie endenden, knapp 25 Kilometer langen Laerdaltunnel, der die Gemeinden Aurland und Laerdal verbindet.

Der erste Dorsch sorgte für Begeisterung.JPG

Erst mit seiner Fertigstellung wurde die Verbindung der zwei Gemeinden auch im Winter sichergestellt. Der Pass über den teils 1400 Meter hohen Gebirgszug, der die Gemeinden voneinander trennt, war in der kalten Jahreszeit unüberwindbar und schottete die Region direkt am Aurlandfjord lange Zeit komplett ab. Alternativ gab es damals lediglich eine Fährverbindung über den Sognefjord. Deshalb war diese Region auch eher dünn besiedelt und konnte nicht zuletzt durch die nun geschaffene ganzjährig befahrbare Verbindung so richtig aufblühen.

Unsere Entdeckungsreise führte uns schließlich zu einem der bekanntesten Lachsflüsse in Norwegen, dem Laerdalselva, der mit seinem wilden und glasklaren Wasser ein wahrhaftiges Kronjuwel unter den hiesigen Lachsflüssen ist und viele Fliegen- und Lachsangler in Begeisterungsstürme versetzt. Hier hat die Fliegenfischerei eine lange Tradition. Vor ungefähr 200 Jahren lockten Großlachse bis zu 25 Kilogramm die britischen Lords und Earls in diese Region. Unter Insidern gilt er noch heute als der „König der Lachsflüsse“. König Harald V. von Norwegen selbst bezeichnete ihn seinerzeit als seine zweite Königin und frönt seiner Leidenschaft noch heute am Laerdalselva.

Direkt am Fisch. Unsere Hütte direkt am Wasser..JPG

Das Gewässer wird trotz seiner Exklusivität der Öffentlichkeit nicht vorenthalten, gleichwohl gelten strenge Bestimmungen und Richtlinien. Es gibt nur eine limitierte Anzahl von Angelkarten speziell für Fliegenangler, die schon Jahre im Voraus beantragt werden müssen. Der Preis für eine Woche Angeln am Laerdalselva liegt bei 1000 Euro. Wer sich diesen Traum erfüllen möchte, kann sich im Wildlachscenter in der beschaulichen und historisch bedeutenden Ortschaft Lærdalsøyri informieren (www.norsk-villakssenter.no). Das Wildlachscenter faszinierte uns mit einer sehr interessanten Sammlung gut erhaltener Ausstellungsstücke der letzten 200 Jahre. Hier wird anschaulich der Lebenszyklus der Lachse präsentiert und auch mit Informationen über die Fangmethoden nicht gegeizt. Als ganz besonderes Highlight ist die integrierte Fliegenbindewerkstatt hervorzuheben. Sehr zu empfehlen ist auch der historische Ortskern von Lærdalsøyri, der mit seinen gemütlichen und typisch skandinavisch anmutenden Holzhäuschen besticht.

Ein Abstecher in den umliegenden Fjell (norwegisch für Gebirge) raubte uns den Atem und katapultierte uns direkt in eine andere Welt. Diese Einsamkeit und Schönheit der Natur, das herbstliche Farbenspiel der Farne und Moose im Gegensatz zum weißen Schnee, der von rauen und dunklen Gesteinsformationen umschlossen wird, sind einmalig. Kristallklare Seen ohne ein Anzeichen von Zivilisation, eingebettet in die Hochebenen, bergen geheimnisvolle und zum Teil unerforschte Bestände an wilden Forellen, die nur darauf warten, entdeckt zu werden. Sie teilen dort oben ihren Lebensraum in einer endlosen Ruhe mit ein paar zufriedenen Schafen, die Niemandem zu gehören scheinen.

Eingangsbereich vom Wildlachscenter.JPG

Dieses Gefühl des Seins im Einklang mit der Natur, einem klarem Kopf und freier Sicht macht süchtig. Norwegen macht süchtig. Es lehrt uns jedes Mal aufs Neue, die heimlichen Wunder der Natur zu feiern, die nur noch wenige Bewunderer zu haben scheinen. Wir appellieren an alle, die das vielseitige Königreich Norwegen bisher nur von der anglerischen Seite betrachtet haben: Öffnet die Augen und lasst euch von der grandiosen Natur verzaubern. Saugt das skandinavische Lebensgefühl auf und nehmt es mit nach Hause. Freut Euch an den kleinen Dingen des Lebens und rückt einfach näher zusammen.

Für uns heißt es nun „Nach dem Urlaub ist vor dem Urlaub!“ und wir freuen uns schon wahnsinnig auf unser nächstes spannendes Abenteuer am Europäischen Nordmeer.

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