Der Walchensee - ein tiefer Traum

Bis zu 200 Meter tief ist das glasklare Wasser im Walchensee, und die Fische sind alles andere als leicht zu fangen. Doch wer einmal an seinen Ufern gestanden hat, den zieht es immer wieder hin zu diesem Traumgewässer. Auch unseren Autoren Stefan Zehentmeier hat der See nicht losgelassen.

Kaum eine Beschreibung trifft den Walchensee so sehr in seinem Kern wie das Wort „Traumgewässer“. Der geneigte Leser gängiger Fachliteratur mag erwarten, dass so ein Begriff sich immer an der zu erwartenden Fangausbeute orientieren mag. Aber hier bricht der Walchensee mit der Konvention. Fast scheint es so, als ob man nur als einsam umherziehender Seeforellen-Angler die Natur dieses Gewässers wirklich zu verstehen lernt. Denn wer beim gefühlt fünfhundertsten Wurf seine Blinker in den türkis-grünen, gläsernen Weiten des Sees versenkt, während die Geräusche der nahen Zivilisation mit jedem Schritt Richtung Süden abnehmen, der blickt dabei in eine fremde Welt, die die Phantasie anregt wie kaum ein anderes Gewässer.

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Fliegt der Blinker dann in einem meditativem fünfhundert und ersten Wurf wieder Richtung Seemitte, verschwimmt die türkise Steinwelt vor dem geistigen Auge und die Gedanken bekommen eine eigene Dynamik. Mag dort unten in den bodenlosen Weiten eine ähnlich große Seeforelle lauern, wie jene, die als beeindruckende Präparate in eigentlich fast jeder Gaststube des Sees zu finden sind? Oder einer dieser rotfleischigen, kapitalen Hechte auf Saiblingsjagd, von dem die Berufsfischer erzählen? Liegt zwischen den schroffen Gesteinsformationen eine jener armdicken Quappen, wie sie auf zahlreichen verblassten Fotografien zu sehen sind? Oder schlummert auf dem Grund des tiefsten Alpsees etwas ganz anderes, das dem menschliche Auge bislang komplett verwehrt blieb? Ein kleiner Schauer überzieht einen bei dem Gedanken, und wieder fliegt der Blinker Richtung Horizont. Der Traum beginnt von Neuem.

 

Die Faszination des Walchensees liegt in der Klasse seiner Seebewohner und vor allem dem einzigartigen Panorama der Gebirgswelt, in die Deutschland tiefster See eingebettet liegt. Verständlich, dass ein eher kaltes und nährstoffarmes Gewässer keine riesigen Fangmengen gängiger Speisefische ausspuckt, dafür aber eine völlig andersartige Fischwelt aufzuweisen hat als viele der bayerischen Voralpenseen. Statt Hecht, Barsch und Zander findet man im Walchensee vor allem Seeforelle, Saibling, Renke und Quappe, und auch die dort betriebene Angelei verläuft nach ihren ganz eigenen Regeln.

 

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Nicht umsonst liegt der Höhepunkt der Angelsaison recht früh im Jahr, wenn bereits im März die ersten Wahnsinnigen Bayerns wohl schönstem Seebewohner auf die Schuppen rücken - der Seeforelle. Zeitgleich ziehen die ersten Saiblingsfischer ihre Bahnen, und spätestens im April lassen sich an den Seeufern Renken-Angler nieder, die die großen Posen in hohem Bogen in die Ferne schleudern, dann in ihrem Klappstuhl Platz nehmen und die ersten richtigen Sonnenstrahlen des jungen Frühlings genießen. Es ist nur nachvollziehbar, dass der ein oder andere eingefleischte Hechtangler an einem dieser Vorsaison-Tage sein Herz an dieses kleine Paradies verloren hat.

 

Denn gerade im Frühjahr spielt der Walchensee seine Trümpfe aus. Über die Passstraße des sogenannten Kesselbergs erreichen wir den See von München aus nach einer Autofahrt von gut sechzig Minuten und passieren dabei auch das Walchensee-Kraftwerk, das wohl Hauptverantwortlicher dafür ist, dass die ehemals gefangenen Forellenmonster, von denen der ein oder andere vollbärtige Wirt zu erzählen weiß, leider eher die Ausnahme als die Regel geworden sind. Denn mittlerweile sind Zu- und Abflüsse des Sees querverbaut, und das natürliche Ablaichen der imposanten Fische extrem eingeschränkt.

 

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Im kleinen Durchgangsort Urfeld, eingebettet zwischen Jochberg und Herzogstand, bekommen wir nicht nur ein Ruderboot, sondern auch gleich unsere Angelkarten, bevor wir uns an der sogenannten Galerie entlang auf den Weg Richtung des Luftkurorts Walchensee machen. Auch hier sind Boote und Angelkarten erhältlich, bevor uns die Bundesstraße zur Einsiedel-Bucht leitet, an deren Zulauf gerade die Renken-Fischer gerne Platz nehmen. Auch hier stehen für uns Ruderboote bereit.

 

Wie es sich so mit unserem hiesigen Zielfischer Nummer Eins verhält, ist die Seeforelle am Walchensee in den ersten Frühlingstagen beinahe an jedem Ufer des Sees zu erwarten. Wie es die Disziplin mit sich bringt, ist also ausdauerndes und hoffnungsvolles Werfen mit Blinker, Spinner oder Köderfisch am Tirolersystem gefragt, bis es dann vielleicht mit diesem Hauptgewinn klappt. Zum Glück sind aber auch schon früh im Jahr Ruderboote verfügbar, so dass das Schleppen auf Forelle mit kleinen, flachlaufenden Wobblern und immer am Ufer entlang eine mehr als sinnvollen Alternative darstellt. Dass man selbst so das Schonmaß von immerhin 60 Zentimetern - wenn überhaupt - wohl allerhöchstens einmal pro Saison erreicht, ist jedem eingefleischten Seeforellen-Angler eher Ansporn als Gegenargument. Schließlich geht es am Walchensee eigentlich immer um den Hauptgewinn und selten um Brotfische.

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Die Quappe oder Aalrutte hingegen operiert dann wohl doch eher in letzterer Gattung, sind die Fangchancen in den Monaten März und April durchaus höher anzusetzen. So ziehen abends vor allem an den steilen Nordufern, an der Straße zwischen Urfeld und Walchensee, die Rutten-Fischer auf der Suche nach dem passenden Platz umher, um dann ihre Laufblei-Montage mit Tauwurm hinauszuschleudern und der Schnur dabei zuzusehen, wie sie etliche Minuten von der Rolle läuft, bis der Köder den bereits in Ufernähe sehr tiefen Grund erreicht.

 

An einem schönen Märzabend blickt man dann in den sternenklarer Himmel, bis einmal kurz die Aalglocke erklingt und einer der hübschen Süßwasserdorsche aus der Tiefe befördert wird. Bis zu 200 Meter geht es etwas weiter draußen hinab, wo entlang der Abbruchkanten im frühen Sommer die Saiblingsangler ihre Runden ziehen. Sie fischen mit Tiefenrollen und Blinkersystemen auf die meist schlanken Salmoniden, doch auch das Zupfen mit der Hegene ist erfolgsversprechend. In den ersten Frühlingstagen sind die Saiblingsangler noch in der Walchensee-Bucht und der Einsiedel-Bucht unterwegs, in die die Fische beim sich erwärmenden Wasser aufsteigen. Zugegeben, diese Art der Angelei ist echtes Profihandwerk und aufgrund ihrer Andersartigkeit wohl nur mit einer guten Portion Erfahrung erfolgsversprechend.

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Ebenfalls mit der Hegene versuchen am Walchensee die Renken-Fischer ihr Glück. Auch hier sind im Frühjahr vor allem die Walchensee-Bucht und die Einsiedel-Bucht interessant, wobei gerade in letzterer die Uferangler überwiegen. In der stillen Bucht reichen die nicht zu unterschätzenden Würfe mit der Renkenpose vom Ufer aus, um den Fischen beim Umherziehen die passende Nymphe vor die Nase zu setzen. Sichttiefen von bis zu zehn Metern sind keine Seltenheit, sodass man beim passenden Wetter beinahe die auf der Schnur tanzenden Nymphen beobachten kann. Auch beim Schleppfischen auf andere Seebewohner passiert es so schon mal, dass im flachen Wasser des Südufers ein kleiner Trupp Renken oder Saiblinge lautlos unter dem Boot hindurch schwebt.

 

Und doch, es gibt ihn hier auch, den Hecht, denn wie wir bereits gehört haben, ist der Walchensee kein fischleeres Loch, wie ihn manch frustrierter Neuling an einem schlechten Tag beschimpfen mag. Für Hechtangler finden sich in direkter Umgebung aber würdigere Gewässer, wie etwa Staffelsee oder Riegsee. Im Walchensee ist Esox Lucius aber nicht unbedingt so sehr leicht beizukommen, zu empfehlen wäre hier jedoch das gesamte Westufer, inklusive der Walchensee-Bucht, sowie die Süd-Ost-Seite des Sees. Denn einen kleinen Traum in umwerfender Kulisse wollen ja auch Hechtangler am Walchensee träumen dürfen.

 

Angelbedarf, Karten und Ruderboote:

 

Cafe am See, Urfeld 27, 82432 Urfeld

Tel: 08851 363


Helene Edlinger, Seestraße 15, 82432 Kochel am See
Tel: 08858 422

 

Hotel:

 

Hotel Karwendelblick

Urfeld 15, 82432 Kochel am See

Tel: 08851 410