Das Haus am See

Wenn sonst keine Zeit ist, muss man halt aus dem Familien- einen Angelurlaub machen, dachte sich unser Autor Jens Scholz. Das bedurfte zwar einiger Überredungskunst, aber am Ende stand eine wunderschöne Woche für Angler und Nichtangler im Haus am See.

Fotos: Jens Scholz

Haben wir nicht alle eines gemeinsam? Genau, wir teilen das schönste Hobby der Welt miteinander. Doch wie es im Leben so ist, findet man kaum Möglichkeiten, sich bei der Ausübung frei zu entfalten. Dem einen fehlt die Zeit, der andere fühlt sich von neuen und unbequemen Regelungen verfolgt, und der nächste möchte seine Zeit genauso gerne mit der Familie verbringen. Man findet sich in einer Zwickmühle wieder und muss immer wieder Kompromisse eingehen. Doch diese lassen uns dann beim Angeln auch nicht in Ruhe, und das schlechte Gewissen lässt eine Erholung vermissen. Das kann ja nicht die Lösung sein, und deshalb bin ich seit Jahren immer auf der Suche nach einem Weg aus diesem Teufelskreis.

Das Haus am See - Rückseite.JPG

Und ich bin schon regelmäßig fündig geworden. Von einer ganz wundervollen Lösung möchte ich an dieser Stelle berichten. Ich stellte mir die Frage, wie man sein Familienleben mit dem Hobby kombinieren kann, und das in einer Zeit, wo weder die Arbeit noch sonstige Hausaufgaben rufen? Ganz klare Antwort: im Urlaub! Den Sommerurlaub mit All Inclusive auf einer warmen Insel durch ein Zelt am Wasser ersetzen, das hätte ich von meiner Chefin ganz sicher nicht genehmigt bekommen. Wenn es bei uns zu Hause aber im Frühjahr oder Herbst noch sehr kalt ist und im sonnigen Frankreich schon die Knospen sprießen, dann klingt es schon verlockend, sich mal eine Woche vorzeitiger Wärme zu gönnen.

Meine Anfrage stieß also nicht auf strikte Ablehnung, sondern auf Neugier. Nun fehlte mir nur noch eine passende Location, und ich durchforstete das Web nach diversen Möglichkeiten. Ich musste aber leider auch feststellen, dass gar nicht viele Möglichkeiten zu finden sind, wo man das Angeln ganz lässig von einem Ferienhaus aus betreiben kann. Da ich ein Faible für das Angeln auf Karpfen besitze und meine Suchbegriffe dahingehend forciert hatte, stieß ich jedoch ganz schnell auf die Webseite www.fishermanholidays.com. Dort wurde ich auf ein wunderschönes Chalet am Etang de Brigueuil aufmerksam. Es liegt direkt am Ufer des etwa 10 Hektar großes See. Laut Beschreibung gibt es einen sehr guten Fischbestand, bestehend aus Karpfen bis zu 28 Kilogramm. In den Sommermonaten sind überall Seerosenfelder zu finden, und auch sonst fügt sich der See sehr schön in die Natur ein.

Kann ein Urlaub mit der Familie perfekt sein.JPG

Im Häuschen sind neben zwei Schlafzimmern eine Stube, eine Küche und ein Bad vorhanden. Ich hatte wohl mein perfektes Ziel gefunden und musste nun noch meine Frau davon überzeugen. Die Wetterdaten der letzten Jahre leisteten hervorragende Dienste und versprachen wunderschönes Wetter bereits vor Ostern. Das überzeugte meine Frau! So stand einer Buchung nichts mehr im Wege. Freudestrahlend erzählte ich meinen Eltern von dem Vorhaben und stieß auch hier auf offene Ohren. Nach kurzer Überlegung wollten auch sie mit. Es versprach somit eine ruhige Woche im Kreise der Familie zu werden, und obendrein konnte ich angeln, so viel ich wollte. Die Theorie verlief bis dahin also perfekt.

Als die Zeit reif war, wurde das Auto (voll) gepackt und über Nacht ging es auf in Richtung Süden. Wir starteten bei kühlen Temperaturen und leichtem Nieselregen, doch je weiter wir in Richtung Limousin (Region in Frankreich) kamen, desto angenehmer wurde das Wetter. Die Fahrt verlief auch ohne Zwischenfälle, und die LKW wurden immer weniger. In Frankreich war die Autobahn schließlich so leer, dass wir stellenweise das einzigste Fahrzeug auf der Piste waren.

Ein Blick von der Terrasse auf den Angelplatz.JPG

Als wir am Morgen ankamen, erwartete uns bereits herrlichster Sonnenschein. Da wir etwas zu früh dran waren, statteten wir erstmal dem Decathlon, einem irrsinnig großen Sportgeschäft, einen Besuch ab und kauften unter anderem für unsere dreijährige Tochter eine Schwimmweste. Natürlich gibt es auch alles, was das Anglerherz begehrt. Dann wurde noch schnell das berühmte FastFood-Restaurant aufgesucht, und frisch gestärkt ging es dann auf zum See.

Die Seebesitzer Andy und Tracey wohnen gegenüber dem See. Sie empfingen uns herzlich mit einer Tasse Kaffee und wiesen uns in das Domizil für die kommende Woche ein. In der Beschreibung wurde nicht zu viel versprochen. Das Ferienhaus war in einem guten Zustand und stand tatsächlich direkt am Ufer des Sees. Obwohl die Küche vollständig ausgestattet ist, bot Tracey auch einen Lieferservice für warmes Essen und alles weitere an. Wir zogen jedoch die deutsche Küche vor und verpflegten uns selbst. Die Großmärkte haben in Frankreich das gleiche Angebot wie bei uns zu Hause. Sie sind vielleicht ein wenig teurer, aber dafür muss man auch nicht alles den weiten Weg mitschleppen. Positiv aufgefallen ist auf jeden Fall, dass Wi-Fi in der Hütte vorhanden ist und man seine eigene Dusche sowie Toilette hat.

Mahlzeit direkt am Wasser bei herrlichen Sonnenschein.JPG

Im Buchungspreis waren zwei Angellizenzen vorhanden, und so starteten wir gleich mal mit dem Aufbau des Setups. Mit dem Zelt konnten wir getrost langsam machen, denn die Regenfront der letzten Tage hatte sich pünktlich verzogen und versprach eine Woche mit herrlichem Sonnenschein. Ich schnappte mir also mein Futterboot und brachte die Ruten strategisch gut verteilt aus. Diethard wollte nur tagsüber fischen und die Nacht gemütlich im Schlafzimmer verbringen. Er ging das ganze ganz locker an und warf seine Ruten linker Hand in die flache Bucht, wo am Boden bereits die Seerosen austrieben.

Ich beköderte die Ruten mit Boilies und Pop-Ups. Manchmal kam noch ein kleiner bunter Plastikköder als optischer Anreiz hinzu. Um mein Futter etwas auffälliger anzubieten, vermischte ich etwas Grundfutter mit einem Liquid und fügte da noch unterschiedlich große Pellets hinzu. Diese Wolke löst sich von Beginn an langsam auf und sorgt lange Zeit für eine weit reichende Lockwirkung. Bei den geworfenen Ruten bauten wir aus diesem weichen Teig einen PVA-Stick und fädelten ihn auf das Vorfach auf. Das sollte für den Anfang reichen, und so konnten wir den ersten Abend mit einem Bierchen auf der Terrasse genießen.

Natürlich war ich auch ziemlich müde. Wir wechselten uns auf der Fahrt zwar immer ab, aber irgendwie konnte ich nicht besonders gut schlafen. Die Aufregung war wohl zu groß. Wir alle schliefen an diesem ersten Abend tief und fest. Geweckt wurden wir durch Tracey und Andy, die uns das frische Baguette vorbei brachten. Wir genossen das Frühstück direkt am Wasser und waren tatsächlich schon direkt im Erholungsmodus! Sofia gefiel es auch total: kein Kindergarten, dafür aber den ganzen Tag Spiel und Spaß mit den Eltern und Großeltern. Nur an die Schwimmweste wollte sie sich nicht gleich gewöhnen, die war ihr wohl zu steif. Wir blieben jedoch hart, und sie durfte nur mit der Weste zum Ufer gehen. Am dritten Tag hatte sie es schließlich begriffen und wehrte sich nicht mehr dagegen.

In der flachen Bucht versuchte es Diethard auch mal mit Fake Maiskorn. .JPG

Erfolg beim Angeln hatten wir bis dahin noch nicht, deshalb bewaffnete ich mir mal mit meiner Lotrute und prüfte unseren Angelplatz auf Herz und Nieren. Bei dem Stausee handelt es sich um eine Badewanne, welche in Richtung Mitte und Auslauf ihren tiefsten Bereich besitzt. Abfallende Kanten habe ich keine gefunden. Nur der Untergrund variiert ein wenig und ist zum Teil recht schlammig. Mit diesen Informationen überdachte ich unsere Strategie und überredete Diethard, mal eine Rute nachts in der flachen Bucht liegen zu lassen. Zwei meiner Ruten brachte ich zu meiner Rechten an die Staumauer. Auf der kann man im Übrigen wunderbar entlanglaufen und mit der Hand anfüttern.

Als alles wieder perfekt ausgebracht war, konnte ich mich dem Familienleben widmen. Deshalb übte ich mit meiner Tochter Fahrradfahren und wir angelten auch mal mit der Pose und Futterkorb auf kleine Fische – sogar mit Erfolg! Sofia fing ihren ersten eigenen Fisch. Natürlich war auch genug Zeit, um den Koch zu spielen und mal alle zu Spaghetti mit Tomatensoße einzuladen. Es waren ein paar herrliche Tage, die schließlich auch mit einigen zum Teil großen Karpfen gekrönt wurden. Auch wenn sich die Fische bedingt durch die Hochdruck-Wetterlage und die bevorstehende Laichzeit am anderen Ende des Sees stapelten, so verirrte sich doch immer wieder ein gewichtiger Fisch nach vorn ins Tiefere.

Jetzt wird eine Falle gestellt, die hoffentlich schnell zuschnappt.JPG

Von der Seite her gab es also auch überhaupt nichts zu bemängeln. Der Fischbestand ist zweifellos hervorragend, und das Haus am See wärmstens zu empfehlen. Eigentlich wollten wir unter der Woche sogar nochmal einen Ausflug machen, aber es hat uns so gefallen, dass wir auf diesen gänzlich verzichteten. Am Ende der Woche waren wir total relaxed und traten völlig entspannt die Heimreise an. Wieso auch immer, aber die verging wiedermal wie im Flug.

Wer noch weitere Informationen sucht, der wird auf der genannten Internetseite fündig. Dort sind alle Regeln in deutscher Sprache verfasst. Die Seebesitzer sind sehr freundliche Engländer mit drei Hunden. Man kann auch gern selbst einen Hund mitbringen. Sofia ist nachmittags sogar mit auf der Koppel zum Pferdefüttern gewesen. Auch ihr ist somit nie langweilig gewesen. Vor der Abreise musste sie weinen und sagte, dass sie noch ein bisschen bleiben möchte…