Angeln in Hollands Kanälen

Niederländische Kanäle – Langweilig, öde, fischarm?

 

Monotonie, soweit das Auge reicht: Viele Angler können sich mit dem Angeln am Kanal nicht anfreunden. Doch wenn die Aussicht auf Fische gut ist, kann man auch irgendwann eine Spundwand liebgewinnen. Unser Autor macht sich als Raubfischangler oft ins Nachbarland auf uns fängt dort Zander, Barsch und Hecht.


Text & Fotos: Christian Kaspers

 


Geben wir es zu: Kanalangeln ist nicht jedermanns Sache. Auf den ersten Blick erscheinen die Gewässer unattraktiv und monoton. Hunderte Meter öde Rinne mit wenigen markanten Anhaltspunkten, die nach Fisch riechen, bilden das stereotypische Bild eines Schifffahrtkanals in den Köpfen einiger Angler. Völlig zu Unrecht, wie ich finde.


Im Land der blühenden Tulpenfelder, den Niederlanden, bieten die meisten Kanäle bissverdächtige Brücken, erfolgsversprechende Schleusen, interessante Kanalabzweigungen sowie anliegenden Industriehäfen, als auch Boots- und Schiffsanleger. An offensichtlichen Hot Spots mangelt es hier definitiv nicht.

Moderate bis sehr gute Raubfischbestände lassen sich nach vielen Angeltagen feststellen. Insbesondere Barsch und Zander sind mit großer Aussicht auf Erfolg in den durchschnittlich fünf Meter tiefen, sehr langsam fließenden Gewässern zu erwarten. Doch auch der in den meisten Provinzen Hollands zurücksetzpflichtige Hecht ist in sämtlichen „Viswatern“ vertreten, sogar in den vermeintlich strukturarmen Kanälen.

Was einige Angelfischer als Problem und als äußerst langweilig empfinden, interpretiere ich als glücklichen und kurzweiligen Umstand. Die wenigen Anhaltspunkte, wo Fisch vermutet wird, erleichtern die Suche und bringen den Spinnangler schnell zum Erfolg. Bisse bereits beim ersten Wurf sind in der Nähe von Brücken keine Seltenheit. Auch Schleusenbereiche, in denen ein stetiger Wasseraustausch stattfindet und vermehrt Wasserbewegung vorherrscht, sind ideale Anlaufstellen, wenn man es auf Stachelritter abgesehen hat.


Aber Achtung! Der unmittelbare Bereich vor und hinter einer Schleuse sowie das Schleusenbecken generell dürfen in einigen Provinzen nicht beangelt werden. Um herauszufinden, welche Bedingungen an dem Kanal der Wahl herrschen, kann jeder VISpas-Inhaber das zur niederländischen Angelerlaubnis mitgelieferte Buch, die „Lijst van Viswaters“ oder einfach die praktische VISplanner-App heranziehen. Mit der individuellen VISpas-ID kann man hier kinderleicht überprüfen, an welchen Gewässern man unter welchen Sonderbedingungen angeln darf. Wirklich ein smartes System, was die Niederländer diesbezüglich auf die Beine gestellt haben!


Klassische Schifffahrtskanäle weisen eine rinnenförmige Struktur auf. Je nach Zielfisch kann man seine Herangehensweise anpassen, indem man bestimmte Gewässertiefen häufiger befischt als andere. Barschjäger vermuten ihre Fische eher in den flacheren Bereichen als Zanderspezis ihre Nachträuber. Somit ist es als Barschangler ratsamer und effizienter, die flacheren Bereiche vor den Spundwänden und auch die Uferbereiche längs, in Flucht des Kanalverlaufs, abzuwerfen. Die meisten Bisse kommen in den wärmeren Monaten beim aggressiven Jiggen mit 10 bis 17 Gramm schweren Jigköpfen etwa ein bis zwei Meter vom Ufer entfernt. Das ist wohl eine der effektivsten Methoden beim Streckemachen auf die Gestreiften am Kanal.


Bei der Größe der Gummifische bewege ich mich zumeist zwischen 9 und 13 Zentimetern. In den kälteren Monaten sind Gummifische an fünf bis zehn Gramm schweren Jigköpfen sowie das langsam geführte Drop-Shot-Rig direkt an der Spundwand der Bringer.


Die Zander hingegen werden zu jeder Jahreszeit tagsüber eher in den tieferen Bereichen vermutet und kommen erst zur Dämmerung in die flacheren Uferbereiche. Hier empfiehlt es sich also, von der tiefen Kanalmitte die sehr passive Faulenzermethode mit leichtem Bleikopf anzuwenden.


TIPP: Faulenzt man bis unmittelbar vor die Spundwand bzw. ans Ufer, wird man mit einigen „Bonusbissen“ belohnt. Viele Zander verfolgen den Köder über mehrere Meter und schlagen ihre Beute gezielt in Ufernähe. Dies scheint in dem natürlichen Jagdverhalten der Zander begründet zu sein. Durch die vorhandene Spundwand ist urplötzlich die Fluchtmöglichkeit in eine Richtung, nach vorne hinweg, nicht mehr gegeben. Hier scheint der Beutefisch aus der Sicht des Räubers am hilflosesten.

An den geschleusten Abschnitten der Kanäle herrscht zu jeder Jahreszeit und Wetterlage ein gleicher Wasserstand vor. Gerade zu Perioden mit langanhaltendem Niedrigwasser am Rhein, Nederrijn, Ijssel und Co. suche ich gerne Kanäle wie den Twente- als auch den Zuid-Willemsvaart- und Maas-Waalkanal auf. Denn auf Dauer bereitet einem das Angeln am Hauptstrom mit gewichtigen Jigköpfen zwischen 28 und 40 Gramm keine große Freude. Die meisten Räuber verziehen sich nämlich bei extremen Flachwasser aus den Buhnenfeldern in den Hauptstrom. Da wartet man lieber, bis das nächste Hochwasser eintrifft und nimmt bis dahin die ebenso spannenden Kanal-Alternativen der Niederlande fortwährend unter die Lupe.

Tage mit unzähligen Bissen und freudiger Fresslaune der Räuber als auch bisslose Momentaufnahmen, an denen man nach Stunden der Kanalwanderung verzweifelt in den Korkgriff seiner Rute beißt, sind hier möglich. An solchen Tagen kommt die Marschroute am Kanal gefühlt dem über mehrere Monate beschrittenen Jakobsweg eines Pilgers gleich.
Wenn der Luftdruck abenteuerliche Achterbahnfahrten zelebriert, ist eher mit einem „Pilgertag“ zu rechnen. Das belegen auch die vielen Erfahrungsberichte meiner befreundeten Kanalangler.

Insbesondere die zickigen Zander, im Nachbarland „Snoekbaars“ genannt, reagieren anscheinend äußerst empfindlich auf derartige wettertechnische Einflussfaktoren. Grund ist hierfür vermutlich die einheitliche Gewässertiefe von Kanälen. Barschartige können den Druckausgleich nicht durch das Verziehen in tiefere Gewässerzonen, wie beispielsweise an Talsperren, in Echtzeit vollziehen und benötigen einige Tage, um wieder in Beißlaune zu geraten. Rapide Luftdruckveränderungen schlägt ihnen auf…die Schwimmblase.


Ein Blick in die Wetterapp des Vertrauens verschafft dem Kanaljäger also vor Angelbeginn eine erste Beißprognose. Doch wie man das Hobby der tausend Variablen kennt, sollte uns auch kein stark schwankender Luftdruck davon abhalten, ans Wasser zu fahren.
Denn Ausnahmen bestätigen seit Anbeginn der Angelei die Regel.

 

Meine Top 3 der Holland-Kanäle:

1. Der Twentekanal


Der zu Beginn des 2. Weltkriegs erbaute, knapp 50 Kilometer lange Twentekanal erstreckt sich von Zutphen bis Enschede. Neben interessanten Brücken, Pfeilern, Spundwänden und Schleusen bietet der Kanal die Möglichkeit, mit leichtem Gerät Hecht, Barsch und Zander nachzustellen.


Zu jeder Jahreszeit ist mit tollen Fängen zu rechnen. Insbesondere im März vor der Ködersperrzeit als auch im Oktober ist mit großen Barschen jenseits der 40 Zentimeter zu rechnen. In den neunziger Jahren war der Twentekanal einer der beliebtesten Kanäle unter den Karpfenanglern. Selbst Südeuropäer machten sich auf den weiten Weg, um dem Mythos Twentekanal mit seinen gewichtigen Bewohnern zu begegnen.


Die damals noch häufiger vorkommenden Warmwassereinläufe verliehen dem regelmäßig mit Karpfen besetzten Kanal Top-Bedingungen für sagenhafte Fänge. Eines Tages kam auch ich mehr oder minder ungewollt in den Genuss eines Kapitalen. Beim Barschangeln interessierte sich ein Twente-Karpfen tatsächlich für einen meiner Gummifische und langte gnadenlos zu. Nach einem heftigen Drill und etlichen Schweißperlen bei der Landung mit einem viel zu kleinen Kescher durfte ich dann schließlich einen etwa elf Kilogramm schweren Kanal-Schuppi in den Händen halten. Was für ein toller Fisch!

Info Twentekanal

Fischbestand

- Barsch: Sehr gut, gute Durchschnittsgrößen
- Zander: gut, eher kleinere Exemplare
- Hecht: moderat, gute Größen möglich

Hot Spots
- Bei Zutphen: Von der Ijsselmündung bis zur Schleuse ist mit Barsch und Zander zu rechnen. Top-Abschnitt bei erhöhtem Wasserstand. Das Wehr in Schleusennähe ist ein absoluter Hot Spot. Achtung, Hechtgefahr!
- Bei Lochem: Die lange Spundwand bringt beim aggressiven Jiggen regelmäßig große Barsche ans Band.


 


 


 


 

2. Zuid-Willemsvaart

Der Kanal Zuid-Willemsvaart ist einer der längsten Kanäle in den Niederlanden.
Teile des Kanals sind sogar auf belgischem Boden beheimatet. Von Maastricht über Helmond bis nach ´s-Hertogenbosch erstreckt sich dieser Kanal über etwa 125 Kilometer. Insbesondere Barschanglern sind die zahlreichen Brücken und vereinzelten Schleusenbereiche zu empfehlen. Gelegentliche Zander und Hechtfänge sind ebenfalls jederzeit möglich. Bemerkenswert sind die knallroten Barschflossen und häufig bläuliche Färbung des Schuppenkleids. Optisch ein Schmaus fürs Auge! Achtung! Der Kanal ist sehr hängerreich. Das Ausweichen auf auftreibende Hardbaits als auch auf Drop Shot können den Materialverlust deutlich minimieren.

Info Zuid-Willemsvaart

Fischbestand

- Barsch: sehr gut, tolle Durchschnittsgrößen
- Zander: moderat, zumeist sehr kleine Exemplare
- Hecht: moderat


Hot Spots
- Bei Helmond: Hohe Brückendichte sowie ein interessanter Schleusenbereich. An guten Tagen kann unter jeder Brücke mit Bissen gerechnet werden.

 

3. Maas-Waalkanal

Der Maas-Waalkanal bei Nimwegen ist mit seinen 13 Kilometern Länge der kürzeste, aber nicht weniger interessante Kanal. Einige Brücken und zwei für eine Tagestour nahe gelegenen Mündungsbereiche machen den Kanal besonders attraktiv. Die zwei unter den Raubfischanglern begehrten Fließwasser Waal und Maas sind seit Anfang des 20. Jahrhunderts für die Binnenschifffahrt durch den Maas-Waalkanal miteinander verbunden und weisen dementsprechend einen guten Fischbestand vor. Insbesondere im „Kessel“ an der Waalmündung ist stets mit Fisch zu rechnen. Große Barsche als auch tolle Zanderfänge sind hier möglich.


Doch auch in geschleusten Abschnitten steigen beim Streckemachen immer wieder tolle Barsche und Zander ein. Eine Besonderheit sind die gelblichen Schuppenkleider der Stachelritter aus diesem Gewässer. Auch Großzander von 80 Zentimeter wurden hier bereits gefangen. Ein Besuch ist definitiv lohnenswert.


 


 


 


 

Info Maas-Waalkanal

Fischbestand

- Barsch: gut, tolle Durchschnittsgößen
- Zander: gut, vereinzelt Kapitale
- Hecht: moderat

Hot Spots
- Bei Nimwegen: Die Waalmündung ist gerade im Winter bei erhöhtem Pegel eine top Stelle.


 

Es gibt noch unzählige weitere Schifffahrts-Straßen in den Niederlanden, die darauf warten, nach Raubfischbeständen ausgekundschaftet zu werden. Ich freue mich sehr auf die nächsten Erkundungstouren!

Die Fischereierlaubnis: der VISpas!

Wer auf den Geschmack der Kanalfischerei in den Niederlanden gekommen ist, kann die holländische Angellizenz im Internet erwerben. Der VISpas kostet je nach Vereinszugehörigkeit um die 45 Euro für ein ganzes Jahr. Eine Nachtangelerlaubnis kann für zusätzliche 10 Euro dazugebucht werden.
Unter www.sportvisserijnederland.nl ist eine VISpas-Bestellung problemlos online möglich.
Nach dem Kauf wird sofort ein „Voorlopig Bewijs van Lidmaatschap“ per PDF an die angegebene E-Mailadresse zum Ausdrucken geschickt, sodass man gleich am Bestelltag loslegen und die Kanallandschaft erforschen kann.


Vielleicht trifft man sich ja zukünftig an Hollands Schifffahrts-Straßen!


Viel Erfolg & Tight Lines

AM HAKEN