Huchen

Die Suche nach dem König des Flusses

 

Es ranken sich viele Legenden und Mythen um den Huchen. Aber es waren vor allem die Bilder dieser majestätischen Fische in den Angelzeitschriften seiner Jugendtage, die unserem Autoren immer wieder in den Sinn kamen. Es dauerte jedoch drei Jahrzehnte, bis er sich auf das Abenteuer Huchenangeln einlassen sollte.

 

Text: Dirk Brichzi

Fotos: Olaf Jochmann und Dirk Brichzi

 

 

Meine ersten Eindrücke vom Huchen waren gewaltige: Im „Blinker“ der achtziger Jahre, den ich als Jugendlicher verschlang, gab es in fast jeder Winterausgabe diese Fotos mit riesigen Fischen darauf. 50 Pfund, 55 Pfund, weit über ein Meter lang, mit großen, aufgerissenen Mäulern und lachendem Fänger daneben. Oft hingen sie an einem riesigen Fleischerhaken, damals setzte man solche Fische nicht zurück. Schon die Namen der Flüsse verbreiteten Ehrfurcht: Mur. Drau. Inn. Irgendwo im tiefsten Österreich, das ich damals nur aus den Urlaubserzählungen meiner Eltern kannte. Nicht weniger mystisch der Köder, der Huchenzopf. Aus Leder gebunden, nur für diesen einen Fisch, einige Spezialisten sollen sich den Zopf sogar aus echten Neunaugen gebaut haben. Viele Legenden ranken sich um den Huchen.

Am Mythos des Huchens unter Anglern hat sich nicht viel geändert. Nur die Bilder in Angelzeitschriften sind seltener geworden, wie auch der Huchen selbst. Die Regulierung der Flüsse mit Kraftwerken und anderen Verbauungen verhindern die Laichwanderung, die früheren Hauptnahrungsfische wie Äsche und Nase sind vielerorts verschwunden, Wasserverschmutzung und Klimaerwärmung taten ihr Übriges. Der Huchen mag es kalt und klar, Besatzmaßnahmen sind teuer und bringen nur auf lange Sicht Erfolg, er ist halt keine Regenbogenforelle. Immerhin, in einigen Flüssen gibt es dank ausgezeichneter Arbeit vor Ort wieder gute Bestände, sogar in Deutschland. Es wurde also Zeit, um endlich mal dem Mythos nachzuspüren.

Wenn man nicht in Süddeutschland lebt, gestaltet sich die Planung eines solchen Trips allerdings schwierig. Tageskarten gibt es in Deutschland für Gastangler nur an der Lechstaustufe 22/23, da ist die Auswahl in Österreich größer. Allerdings liegen die Preise für die Tageskarten dort in einem Bereich, in dem man in Deutschland in manchem Bundesland komplett für ein Jahr angeln dürfte. Trotzdem entschieden wir uns für die Gegend um Villach, an der wir an die Drau oder die Gail fahren könnten, beides erstklassige Huchenflüsse. Vielleicht war es eine dieser berühmten „Einmal im Leben“-Aktionen. Stefan telefonierte fast täglich mit den Angelhändlern und Guides vor Ort, zunächst herrschte noch Hochwasser, kurz vor Weihnachten sollten die Bedingungen dann aber wieder optimal sein. Also los!

Ich wollte nicht unvorbereitet an die Sache herangehen und schmökerte vorher ganz klassisch in dem Buch „Erlebnis Huchenangeln“ von Günter Leibig. Eine wunderbare Lektüre, die bei mir ein wenig den Eindruck hinterließ, dass ich mich erst dann als richtiger Angler fühlen könnte, wenn ich einen Huchen fing. Der Meterhecht, der 100-Pfund-Wels – das kann ja jeder, und Lachse fangen die Leute ja mittlerweile sogar hier im Hafenbecken nebenan, aber ein Huchen, vielleicht noch ein stattliches Exemplar, das kann man sich als Auszeichnung an sein Anglerleben heften wie eine Tapferkeitsmedaille an eine Uniform, und immer wieder dann hervorkramen, wenn es gilt, andere dazu zu bringen, einem ganz genau zuzuhören.

Aber Huchenangler sprechen nicht gerne, schon gar nicht übers Huchenangeln, das ist eine ihrer Eigenschaften. Sturheit, Ausdauer, Leidensfähigkeit und Glaube sind weitere wichtige, so erzählt man sich. Ob ich dazu wirklich tauge, frage ich mich, als ich mich auf den Weg gen Süden mache. Angeln bei klirrender Kälte war noch nie wirklich meins, monotones Spinnfischen über Stunden hinweg ebenso wenig. Immerhin habe ich im Vorjahr bei Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt mit Kumpel Clemens einen dicken Döbel gefangen, und Döbelangeln ist ja ein wenig so wie Huchenangeln für Arme und Westdeutsche. Man schätzt, dass der Huchen alle 14 Tage für eine Stunde frisst. Zu diesem Zeitpunkt muss man am Wasser sein, lese ich bei Günter Leibig. Meine Zuversicht erleidet einen ersten kleinen Dämpfer.

Schon bald merken wir, dass wir die richtige Entscheidung getroffen haben mit dem Trip nach Österreich. Wir lassen die nasskalte, graue Suppe, die seit Wochen über Deutschland herrscht, hinter uns, und je näher wir unserem Ziel Villach kommen, desto besser wird das Wetter. Die Aussichten für die Angeltage sind herrlich, wir wollen uns im örtlichen Angelladen noch mit einigen Ködern und Schnur eindecken. Wer hat schon 40er oder 45er Mono zuhause herumfliegen? Und Mono ist bei Temperaturen bis minus zehn Grad angesagt, weil sie nicht so schnell gefriert wie Geflochtene und auch deutlich abriebfester ist. Mit Huchenzöpfen fischt leider fast niemand mehr, Gummifische und Wobbler sind die Wahl der Spinnfischer.

Es gibt auch noch ein paar Ratschläge und vor allem Fotos vergangener Fänge frei Haus. Ich fühle mich ein wenig in der Zeit zurückversetzt, so groß und mächtig sind die Fische auf den Bildern. Ab und zu huscht ein weiterer Kunde ins Geschäft und begibt sich schnurstraks in den hinteren Bereich ins „Raucherzimmer“, das aber wohl eher der Raum ist, in dem sich die wahren Huchenfischer treffen. Übers Angeln reden sie eher wenig, vor allem nicht, wenn Gäste dabei sind, aber einige von ihnen sehen so aus, wie man sich richtige Huchenangler vorstellt: Von unzähligen Winterangeltagen gestählt, kräftige Kerle, die auch einen 50-Pfünder halten können. Ihre Gesichter erzählen Geschichten von großen Fängen, aber auch von verlorenen Fischen.

Ob wir auch jemals solche Geschichten erzählen können? Erstmal sind wir halbwegs mit Gerät, Ködern und Tipps versorgt, in unserer Ferienwohnung in der Karawanken-Lodge schmieden wir Pläne für den nächsten Tag. Als wir aufstehen, ist es zwar noch dunkel, aber die Aussichten für den Tag sagen Sonne und blauen Himmel voraus. Minus zehn Grad zeigt das Thermometer, wir packen uns dick ein und treffen uns mit Markus Kaaser, einem Guide, der die Gegend und die Gail wie seine Westentasche kennt. Er versorgt uns mit den letzten Informationen und gibt uns Tipps für gute Stellen. Tenor: Die Bedingungen sind ideal, es müsste was gehen!

Die Gail ist ein herrlicher Fluss, wir verteilen uns zu dritt, Olaf ist auch noch dabei, zusammen ziehen wir los, aber irgendwie ist auch jeder für sich. Das Wasser ist grün und hauchzart angetrübt, gerade so, dass man nichts genau sieht, aber viele Schatten und Schemen erahnt. Die Huchen sollen auf dem Grund liegen und sich nur bewegen oder gar beißen, wenn ihnen der Köder mundgerecht serviert wird. Nicht zu hoch, nicht zu weit vorbei, aber auch nicht direkt auf ihn drauf. Ein heikles Spiel. Ich vertraue beim Hecht gerne auf große Blinker, deshalb baumelt bei mir nun ein Heintz an der Schnur, der Blinker, der wahrscheinlich so viele Huchen verführt hat wie kein anderer. Ab und zu spüre ich Grundkontakt, genau so soll es sein.

Was ist das? Auf den letzten Metern bis zum Ufer folgt meinem Heintz doch tatsächlich – ein Huchen! Kein Riese, er misst vielleicht 40 Zentimeter, versucht aber, nach dem roten Plastikdreieck am Drilling zu schnappen. Wohl mehr aus Neugier denn aus Hunger, aber er gibt so schnell nicht auf, ein schönes Schauspiel, ich kann ihn direkt vor meinen Füßen sehen und stelle mir vor, wie er wohl wirkt, wenn er noch einen knappen Meter mehr misst. Eigentlich unvorstellbar. Nach einiger Zeit macht er sich wieder auf Richtung Flussmitte, ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen. Ich habe zwar noch keinen Huchen gefangen, aber immerhin einen gesehen, und das nach einer knappen Viertelstunde Angeln. Kann ein Tag schöner beginnen?

Ich bringe die frohe Kunde direkt zu den beiden anderen, ein kleiner Motivationsschub kommt immer gut. Wir tasten uns langsam den Fluss entlang, was für ein Tag, die Sonne am Himmel muss heute keine Wolke fürchten, überall liegt noch Schnee und in der Mitte fließt dieser grüne, wunderschöne Fluss. Ich mache eine kleine Pause, lutsche meine zugefrorenen Rutenringe frei und denke daran, was gerade Einsteigern ins Huchenangeln immer wieder eingeimpft wird: Konzentration hochhalten! Nach sechs Stunden Spinnfischen muss man immer noch hellwach sein, um dann den vielleicht einzigen Biss des Tages – ach was, vielleicht der Saison! – zu verwerten. Wie soll das gehen? Ich drifte ja jetzt schon ab und genieße die Szenerie und den Moment.

So vergeht Wurf um Wurf, Pause um Pause, Stunde um Stunde. Stefan sagt, er habe auch einen Nachläufer gehabt, immerhin! Irgendwann dämmert es, wir machen uns auf den langen Rückweg, wir haben doch einige Kilometer zurückgelegt. Am nächsten Tag wollen wir das andere Flussufer in Angriff nehmen. Bei keinem ist auch nur der Anflug von Frust zu spüren, der Optimismus bleibt ungebrochen. Als richtige Huchenfischer muss man sich auch stärken, wie sonst soll man einen Kapitalen bändigen, deshalb geht es abends ins Wirtshaus, und wir gönnen uns österreichische Gastlichkeit und ein schmackhaftes Abendmahl. Morgen mal ein paar neue Köder probieren? Auf jeden Fall.

Die Nacht ist knackig kalt, am Morgen sind es wieder minus zehn Grad, aber das hält uns nicht auf, denn sie Sonne begrüßt uns schon vor dem ersten Wurf. Wieder und wieder fliegen unsere Köder in die Gail, wir klopfen jede halbwegs huchenverdächtige Stelle ab, bleiben allerdings erstmal ohne Erfolg. Nach einiger Zeit stoße ich auf einen kleinen Zufluss zur Gail. Dort tummeln sich zahllose Döbel, auch einige stattliche Exemplare sind dabei. In einem Gumpen lauert ein kleiner Hecht auf Beute, auch einen Barsch sieht man in dem glasklaren Wasser. Ich tunke mal einen Spinner ins Wasser, plötzlich schießt eine Regenbogenforelle aus der Ecke hervor, die ich vorher nicht gesehen hatte. Wahnsinn, so viele Fischarten auf so kleinem Raum.

Werfen, Wandern, Schauen, Genießen – irgendwann gerät man, unterstützt durch das fließende Grün des Flusses, in einen Zustand, den man neudeutsch wohl als „Flow“ bezeichnen würde. Ein Gefühl der Zufriedenheit und des Innehaltens, obwohl wir doch hier sind, um Fische zu fangen! So schreitet auch der zweite Tag fort, zwischendurch verliere ich Stefan und Olaf völlig aus den Augen, aber irgendwann finden wir wieder zusammen. Immer noch kein Huchen. Langsam geht es auf den Rückweg, Stefan will noch ein paar Würfe in der Dämmerung an der Brücke machen und berichtet später von einem Biss. Nicht verwertet. Die Konzentration halt. Ob es überhaupt ein Huchen war?

Drei Angler, zwei Tage – kein Huchen. Trotzdem schaue ich später auf der Rückfahrt nur in zufriedene Gesichter. Das wird nicht das letzte Mal sein, dass wir vom Huchenangeln zurückkehren. Kaum nähern wir uns wieder der deutschen Grenze, empfängt uns wieder das graue Nass, und ich sehne mich schon nach der Gail zurück, bevor ich überhaupt zu Hause bin. Dort vertiefe ich mich in den nächsten Tagen wieder in das Buch von Günter Leibig, und bei einem Streifzug durchs Internet fällt mir auf, dass es tatsächlich noch Huchenzöpfe zu kaufen gibt. So weiß ich auf jeden Fall schon, was bei meinem nächsten Trip ins Huchenland an meiner Schnur hängen wird.

 

 

INFO

Guidung und Angelkarten für die Gail und die Drau gibt es u.a. bei

Markus Kaaser
Mark's Flyfishing

Finkenweg 5
A-9871 Seeboden
Tel: +43 - (0)664 - 516 94 54
E-Mail: mark@marksflyfishing.com
www.marksflyfishing.com


 

Big Fish Angelcenter

Gemeindeweg 3

A-9500 Villach

Tel: +43 (0)650 7420524

bigfish@aon.at

www.big-fish.at

 

 

Unterkunft:

 

Karawanken-Lodge

Seeufer-Landesstraße 2

A- 9583 Faak am See

Tel.: +43 4254 2279

www.karawanken-lodge.at

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