Tage am Meer

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Welchen Angler zieht es nicht gerne ans Meer. Viele verbinden damit ihren Urlaub, unser Autor lebt dort sogar in der Nähe. Und kann von den vielen tollen Momenten an der Ostsee nicht genug bekommen.


Von Christoph Böse

Wenn man so wie ich in der ostholsteinischen Provinz aufwächst und die Ostsee praktisch an drei Seiten in Wurfweite hat, dann vergisst man leider gerne mal, wie gut man es eigentlich hat. Hier leben zu dürfen und die Ostsee mit all ihren Schätzen und der großartigen Natur genießen zu können, ist einmalig und jeden Tag wieder lebens- und erlebenswert. In diesem Artikel möchte ich euch zum einen ein paar kurze Geschichten erzählen, die die Verbundenheit und die Liebe zum Meer aus dem speziellen Blickwinkel eines Anglers beleuchten und zum anderen zeigen, was jede Art der Angelei an der Küste so besonders macht.

Natürlich beginnt jede Geschichte irgendwo in der Vergangenheit mit einer Begebenheit, die oft skurril ist und immer ein bisschen Witz haben muss. So war es natürlich auch bei mir. Meine Eltern hatten damals, ich war etwa sieben Jahre alt, einen Wohnwagen auf einem Campingplatz direkt am Strand abgestellt, und dort verbrachten wir im Sommer so gut wie jedes Wochenende. Für meine Eltern war es ein Ausgleich zum stressigen Job, für mich war es der größte Abenteuerspielplatz der Welt! Das verbotene Klettern an den Steilküsten, das Baden im Meer und dank meines Vaters dann auch das Angeln – das war der Wochenend-Alltag meines jüngeren Ichs. Mein Vater ist damals oft mit mir auf eine der Steinmolen am Strand gegangen, um gemächlich einen rostigen Blinker durch die See zu leiern. (Ich erinnere mich an diesen Blinker, als wären wir gestern erst dort gewesen.)

Das alles war selten von Erfolg gekrönt, hat aber immer Papa-Sohn-Zeit gebracht und natürlich auch enorm Spaß gemacht. Eines Tages hat dann tatsächlich eine wirklich kapitale Scholle auf dieses rostige Stück Blech gebissen. Wie in drei Teufels Namen hat er das bloß gemacht? Mein Vater im Kampf „Fisch gegen Mann“ und ich daneben stehend, mit der bis dato größten Bewunderung meines jungen Lebens in den Augen. Ich war angefixt!

Nach einigen Jahren als Jungangler habe ich auf unerklärliche Weise den Fokus ein wenig verloren und andere Dinge wie Fußball und vorerst interessantere Aktivitäten rückten in den Vordergrund. Es dauerte fast 15 Jahre, bis ich das Angeln wiedergefunden habe und seitdem verbringe ich wirklich fast jede freie Minute an oder auf der Ostsee. Hierbei hat jede Angelart ihren komplett eigenen Charme und stellt einem immer wieder neue Aufgaben und bietet gleichzeitig Lösungen, Möglichkeiten und ungeahnt viel Spaß.

Die Seebrücken-Comedy
Hier oben im Norden ist es für viele die einfachste Form, an den Fisch zu gelangen, denn
hier kann auch ohne Brandungsruten und große Mühe ein erfolgversprechender Ansitz gestartet werden. Seebrücken sind meist an Badestränden mit riesigen Sandbänken gebaut, und hier riecht es fast schon nach Plattfisch.
In 99 Prozent aller Fälle sind diese Hot Spots von O bis O, sprich von Ostern bis Oktober jedoch auch beliebte und hoch frequentierte Ausflugsziele und laden jeden Touristen zum Verweilen ein. Wenn man hier seine Köder ins Wasser legt, muss man stets mit einer spannenden Fragestunde rechnen und man erlebt die tollsten Geschichten. Auf die Aussagen „Hier gibt es doch sowieso keinen Fisch!“ oder „Was machen Sie da?“ bleibt einem oft nur das beste Anglerlatein, das man sich über die Jahre angeeignet hat, um sich selbst einen kleinen Spaß aus der Sache zu machen.
Wenn man dann auch noch unter Beobachtung der neugierigen Augen einen Fisch fängt, gleicht das immer einer riesigen Sensation. Beim Abhaken spürt man eine Menschentraube, die aufgeregt immer näher rückt, um das Spektakel aus nächster Nähe beobachten zu können. Diese Situationen mag man oder eben nicht. Für mich beinhaltet ein Angelausflug auf eine der vielen Seebrücken so immer auch ein wenig Entertainment abseits der eigentlichen Angelei – irgendwie auch schon erlebenswert und nahezu perfekt!
 

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Mathe-Nachhilfe mit der Brandungsformel
Das Brandungsangeln ist für mich persönlich die schönste Art, um vom Ufer aus auf Plattfisch und Dorsch zu fischen. Man kann relativ einfach gezielt auf beide Fischarten angeln, indem man sich für den jeweils richtigen Strand entscheidet. Bei Stränden mit viel Algen- und Krautbewuchs ist die Chance auf einen Dorsch ziemlich hoch, bei reinen Sandstränden eher nicht. Dafür darf man sich hier fast sicher sein, dass Scholle, Flunder und Co. sich ziemlich schnell für einen angebotenen Seeringel- oder Wattwurm interessieren.

Saisonal kommen an beiden Stränden auch Arten hinzu, die man in einem bestimmten Zeitfenster auch in der Brandung befischen kann. Der Hornhecht zur Zeit der Rapsblüte, der Aal im Hochsommer und die Makrele einige Wochen später machen auch das Brandungsangeln extrem abwechslungsreich und bieten viele spannende Angeltage und Nächte. Haben Sie schon mal einen heftigen Dorsch-Biss in der Brandungsrute gesehen? Mir rutscht auch nach vielen Jahren noch das Herz dabei in die Hose.

Es wird oft behauptet, dass das Brandungsangeln eher inaktiv sei, man die Haken beködert, auswirft und einfach auf einen Biss wartet. Ja, so kann man das machen – man kann aber auch wirklich aktiv fischen und den Köder immer wieder ein Stück einkurbeln. So findet man Plattfische und weiß bei einem Biss, in welcher Distanz sich die Fische gerade aufhalten. Hat man eine Flunder gehakt und zählt beim Einholen die Kurbelumdrehungen, kann man relativ sicher die Entfernung bestimmen. Wie geht das? Mit einfacher Mathematik!

Meine Brandungsrollen haben einen Schnureinzug von durchschnittlich 97cm. Ich zähle zum Beispiel 100 Kurbelumdrehungen und weiß dann ziemlich genau, dass ich diesen Fisch gerade auf 97 Metern gefangen haben. Da Plattfische oft nicht allein unterwegs sind, versuche ich bei meinem nächsten Wurf den Köder wieder auf der gleichen Distanz anzubieten.
Schnureinzug x Kurbelumdrehungen = Fisch! Genial und ziemlich einfach, oder?

Hafen – Hering – Heiterkeit
Im April und Mai zieht es viele Angler in die Ostseehäfen nach Schleswig-Holstein, um dort den begehrten Hering zu fangen. Egal ob Kappeln, Kiel, Travemünde oder Neustadt, das Bild ist überall gleich, und nirgendwo sonst findet man Menschen aller Altersklassen und aus jedem Berufszweig so friedlich und harmonisch beisammen, so ist zumindest mein Gefühl.

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Tatsächlich ist es an guten Tagen so, dass der Hering praktisch von ganz alleine den Haken findet und man sich nicht sonderlich bemühen muss. So ist es an diesen Tagen eigentlich viel spannender, sich die anderen Angler anzuschauen und sich Geschichten und Theorien zurechtzulegen. Ist der Mann neben mir jetzt eher Banker oder doch Gymnasial-Lehrer?

Gut, bei einigen erkennt man wirklich, dass hier gerade der Sparkassen-Berater in seiner Mittagspause neben einem steht und dass der Maurer es nach Feierabend nicht abwarten konnte, endlich an die Kaimauer zu kommen. Genau das macht es doch so einzigartig und liebenswert. Man muss nicht einmal ein guter Angler sein und teure Ruten mit sich tragen, um hier an der Hafenkante der Vielseitigkeit die gleichen schönen Momente zu erleben wie der ambitionierte Vollblut-Angler. Man kommt oft schnell mit anderen ins Gespräch, denen man vielleicht an andere Stelle wenig Beachtung geschenkt hätte oder die einem niemals bewusst begegnet wären. Wenn das nicht einzigartig ist...

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Sightseeing in Wathosen
Neben dem Ansitz- und dem Brandungsangeln ist die Ostsee natürlich auch immer für eine Tour mit der Spinnrute gut. Das gezielte Angeln auf Meerforelle, Dorsch oder sogar Plattfisch bietet vielseitige Möglichkeiten und einen hohen Spaßfaktor, könnte allerdings in der Ausführung nicht unterschiedlicher sein.

Beim Plattfisch-Angeln brauchen wir traditionell einen kleinen Buttlöffel bis ca. 30 Gramm in Kombination mit einer entsprechenden Montage zum Anködern des Wattwurms oder eines kleinen Twisters. Der Buttlöffel sollte stets mit längern Pausen über den sandigen Grund geführt werden, um die Aufmerksamkeit der ufernahen Fische zu erregen. Mit einer leichten Rute machen die Bisse extrem viel Spaß und man muss sich oft darüber wundern, wie nah die Flundern an den eigenen Füßen stehen.

Die begehrten Dorsche kann man zwar durchaus gut mit einem Blinker oder Wobbler fangen, für mich hat sich aber der Gummifisch im Laufe der Zeit als beste Variante herauskristallisiert. Je nach Wetterlage und Strömung ist man mit Gewichten von 15 bis 30 Gramm sehr gut bedient und jiggt oder faulenzt den Köder möglichst attraktiv über den Grund. Für Zander-Spezialisten ist das alles natürlich ein alter Hut, nur dass man hier mitunter an den gleichen Stellen mehrfach zum Erfolg kommen kann.

Beim Fischen auf Meerforelle darf man alles ruhig etwas vorsichtiger angehen lassen.
Man sollte die ersten Würfe an jedem Spot machen ohne direkt mit der Wathose ins Wasser zu spazieren. Manchmal bewegen sich die Forellen an ufernahen Strömungskanten, da sich hier auch viel Futter finden lässt. Stapft man unbedacht ins Wasser, schreckt man dort also vielleicht jemanden auf, den man eigentlich gerne zum Landgang überredet hätte.

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Nicht jeder Tag ist Fangtag, aber bei den Meerforellen muss man zum Teil sehr viel Ausdauer beweisen, um endlich an den ersehnten Fisch zu kommen. Vor allem heißt es „Strecke machen“ und viel Wasserfläche abfischen. Spürt man dann aber irgendwann diesen einzigartigen Ruck in der Rute und erlebt einen unbezahlbaren, adrenalingeladenen Drill, wird man für alles belohnt was man für diesen Fisch geleistet hat. Der Fisch der tausend Würfe...

Egal ob Plattfisch, Dorsch oder Meerforelle, alle drei Fischarten haben ihren eigenen Reiz, versprechen unterschiedliche Erfolgschancen und bringen unterschiedlichste Glücksgefühle.

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Mit der Wathose im Wasser stehen, mit der gewaltigen Steilküste im Rücken und beobachten wie die Sonne in einem feuerroten Schauspiel im Meer versinkt...das ist nahezu perfekt!
Sie sehen, ein Ausflug an die Ostsee lohnt sich eigentlich für jeden, egal ob Spinn-, Ansitz- oder Allroundangler. Hier gibt es wirklich viel zu sehen, zu erleben und zu lieben.

Okay, vielleicht ist die Ostsee nicht perfekt, aber verdammt nah dran!

Ich hoffe, wir sehen uns mal hier oben!


 

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