Lyr, der Lauerräuber

Sein Revier sind die Felsen. Schroffer Stein, rauschende Tide, salziges Wasser. Hier lauert der Pollack auf seine Beute. Oft ist dann auch unser Autor Clemens Strehl nicht weit, um seinem liebsten Meeresräuber nachzustellen. Wie Sie das am besten von der Küste und vom Boot machen, erzählt er Ihnen im folgenden Artikel.

Pollacks (Pollachius pollachius) sind faszinierende Raubfische. Die Norweger nennen ihn Lyr. Im Englischen wird er ebenfalls Pollack (auch Pollock) genannt. Sein natürliches Verbreitungsgebiet erstreckt sich im Atlantik von Skandinavien über die Britischen Inseln bis hin zu südlichen Küstenregionen wie Portugal. Er ist vor allem an den Küsten anzutreffen. Dort, wo sich die Wellen an den Klippen brechen und sich schroffe, mit Seetang bewachsene Felsen ins Wasser fortsetzen, da können Sie mit Pollacks rechnen. Mit ihrer silbrig bis rötlich-bräunlichen Flanke und dem dunklen Rücken sind sie optimal getarnt, um zwischen Seetang und Steinen auf die Jagd zu gehen. Hat man eine gute Pollackstelle mit Struktur unter Wasser ausgemacht, kann man jederzeit mit mehreren Bissen rechnen.

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Abenteuer Klippenfischen

Wer es in Küstennähe auf die Räuber versuchen möchte, hat im Grunde zwei Möglichkeiten: Klippenfischen vom Ufer oder das Angeln vom Kleinboot vor der Uferkante oder an Unterwasserbergen. In Irland werden verheißungsvolle Klippenangelstellen sogar gekennzeichnet. Schilder am Wegesrand weisen den Weg. Aber das sind natürlich längst nicht alle gute Stellen, viele Hot Spots sind sicherlich gar nicht ausgewiesen und warten auf Entdecker. Beim Abenteuer Klippenfischen ist allerdings unbedingt auf festes Schuhwerk zu achten! Ein langer Kescher ist auch nicht verkehrt. Hastiges Klettern sollte ebenso tunlichst vermieden werden. Mit Angel, Tasche und co. bepackt die Klippen runterrutschen kommt nicht gut. Bei nassen Felsen ist besondere Vorsicht geboten. Am besten ist es grundsätzlich bei trockenem Wetter den Ausflug an die Klippen zu wagen – und immer in Begleitung.

Doch was nimmt man nebst langem Kescher eigentlich mit ans Wasser, um feiste Pollacks auf die Schuppen zu legen? Ganz klar, die Spinnrute! Das macht richtig Laune. Wer einmal in der Brandung vom Felsen aus einen Pollack an der leichten Spinnrute gedrillt hat, wird das so schnell nicht vergessen. Häufig verhalten sich Pollacks im Drill zunächst relativ ruhig, um dann in Sichtweite des Anglers richtig Gas zu geben. Gut geeignet ist sind für diese Art der Angelei nicht zu kurze Ruten, 2,70 bis 3 Meter Länge sollten es schon sein. Damit kommen Sie besser über den kritischen Felsrand vor Ihren Füßen. Nicht nur eine Schnur hat sich beim Klippenangeln an scharfen Felsen und Muscheln durchgescheuert.

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Neben der heute vielfach üblichen geflochtenen Hauptschnur auf der Spinnrolle sollten Sie daher unbedingt einen Meter Monoschnur oder Fluorocarbon vor den Spinnköder schalten. Dieses Vorfach sollte nach meiner Erfahrung besser zu dick als zu dünn gewählt werden. Denn auch ein 40er oder gar 50er Vorfach schreckt hungrige Pollacks nicht ab. Ein etwas dickeres Monovorfach hat mehrere Vorteile: Im Drill können Sie den Fisch direkt forcieren, auch wenn einmal ein größerer anbeißt. Außerdem scheuert sich die Schnur wie schon erwähnt nicht so schnell an scharfen Steinen durch, wenn der Pollack im Drill nach unten Richtung Felsen zieht. Nicht zuletzt erhöht sich Ihre Chance, einen Hänger doch noch zu lösen. Mit etwas Glück ist die Belastbarkeit des dicken Monovorfachs höher als jene der Kelbalgenwurzeln, in der sich ihr Köder nicht nur einmal verfangen wird…

Hängste, fängste

Als Köder bieten sich meiner Meinung nach zwei Varianten für den Spinnfischer an. Zum einen lohnt sich das Jiggen mit Gummifischen und Twistern. Gummigrößen von 10 bis 15 Zentimetern sollten völlig ausreichen. Der Bleikopf sollte je nach Tiefe vor der Klippe sowie Strömungsdruck zwischen 15 und 50 Gramm schwer sein. Die Kunst ist es, den Jig möglichst dicht über die Felskante und Kelb zu führen, um die Fische aus ihren Verstecken zu locken, aber eben dabei nicht hängenzubleiben. Von daher tendiere ich zu kleineren Gummiködern, bei denen der Zusatzdrilling weggelassen werden kann. So ist die Hängergefahr geringer und der Einzelhaken des Bleijigs ist auch meist ausreichend, um einen gierigen Pollack zu haken.

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Viele Pollacks habe ich mit rund sieben Zentimeter langen Twistern überlisten können. Mit einem Preis von weniger als einem Euro sind diese beim nicht mehr zu lösenden Hänger - der früher oder später dann doch passieren wird - zu verschmerzen. Auch die Bleijigs gibt es häufig in Großpackungen billiger, sodass sich auch hier die Materialverluste verschmerzen lassen. Mal abgesehen vom Ärger über festhängende Köder gilt beim Pollackspinnfischen von den Klippen übrigens der Leitspruch: „Hängste, fängste!“ Will heißen, nur wo fiese Felsspalten Köder schlucken und große Tangwälder unserem Köder den Weg versperren, lauert auch der Lauerräuber, auf den wir es abgesehen haben. Auf Köderverluste sollte man sich also bereits vor dem Trip herunter zur Klippe mental und physisch vorbereiten...

Die zweite Ködervariante ist der gute alte Blinker. Silberne Modelle sind immer eine Bank. Die fürs Meerforellenfischen übliche Größe „Sandaal“ mit einem Gewicht um die 20 Gramm ist nie verkehrt. Ob neben Silber noch blaue, grüne, rote oder sonstige Farben auf dem Blinkermodell ihrer Wahl zu sehen sind, ist eher zweitrangig. Bei günstigen Modellen sollten allerdings ggf. die Haken gegen hochwertige ausgetauscht werden. Ich habe dabei einen kleinen „Tick“ entwickelt und setzte sehr gerne auf rote VMC-Haken. Ob dieser kleine Farbtupfer allerdings den fangentscheidenden Unterschied ausmacht, ist nicht so wichtig.

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Wichtiger sind Stelle und Köderführung. Denn auch der beste Blinker fängt nicht, wenn er sich zu weit entfernt vom Blickfeld der Pollacks durchs Wasser schlängelt. Von daher gilt sowohl für Jigs als auch für Blinker nach dem Auswerfen zunächst: Absinken lassen! Das halte ich für sehr wichtig. Insbesondere an Tagen, an denen die Pollacks zwischen den Felsen festzukleben scheinen, muss der Köder direkt vor ihre Nase herunter. Allerdings liegt hier für Blinker die besondere Hängergefahr begründet. Denn der Drilling sitzt schließlich am Ende des Köders und schlägt mit dem Blech am Grund auf. Hier ist der Jig im Vorteil, denn in der Regel trifft der Bleikopf zuerst den Grund bzw. die Felskante Unterwasser. Der Einzelhaken des Jigs steht dabei nach oben ab, die Hängergefahr ist geringer.

Egal ob Blinker oder Gummiköder, nach dem Auftreffen am Grund heißt es sofort kurbeln! Der Jig kann hier gerne auch mit einem schnellen Zug über die Rute zusätzlich nach oben beschleunigt werden. Wie häufig der Köder nun beim Einkurbeln gestoppt werden sollte und wie lang diese Pausen sein sollten, um Blinker oder Jig erneut Richtung Uferkante taumeln zu lassen, ist Gefühlssache. Das hängt schließlich von der Neigung der Felskanten und deren Algenbewuchs ab. Falsch ist es definitiv nicht, immer wieder ein wenig näher in den Sichtbereich der Pollacks vorzustoßen. Auf den letzten Metern vor den Füßen auf der Klippe jedenfalls heißt es dann beim Einkurbeln: Vollgas geben! Hier ist die Hängergefahr insbesondere für den Blinker mit seinem Drilling am Ende am größten. Eventuelle Nachläufer werden durch die Beschleunigung so außerdem vielleicht noch zum Biss vor den Füßen verleitet.

Am Unterwasserberg

Wer ein Boot mit Echolot und Tiefenkarte des Reviers seiner Wahl zur Verfügung hat, dem stehen alle Wege offen. Zum einen bietet es sich an, die Uferpartien mit ihren Klippen vom Wasser aus abzufischen. Aber Vorsicht mit der Brandung! Je nach Angelstelle ist es ratsam, lieber ein paar Meter Abstand zu viel als zu wenig vom Ufer zu halten. Denn der Motor springt natürlich immer dann nicht an, wenn man grade gefährlich nahe auf eine Uferklippe zudriftet. Sehr gute Erfahrungen habe ich auch mit dem Ankern vor aufsteigenden Uferkanten oder Unterwasserbergen gemacht. Allerdings gehen Sie hier je nach Unterwasserlandschaft sicherlich immer das Risiko ein, dass sich der Anker ganz böse zwischen den Felsen verkeilt.

Bisher konnte ich bei der Pollackangelei vom Boot aus noch jeden Anker wieder lichten. Dennoch sollten sie sich des Risikos bewusst sein, dass Sie im schlimmsten Falle ein gutes Messer zum Kappen des Ankerseils benötigen…Die Euros für den Ersatzanker + Kette + Tau können Sie ja vorsorglich bereits in ihr Reisebudget einkalkulieren. Vom verankerten Boot jedenfalls lässt sich ein kleinräumiger Hotspot wesentlich besser ausfischen als bei einer Drift. Zu schnell hat man die wirklich heißte Zone schon verlassen. Bei spiegelglatter See und geringer Drift geht es aber natürlich auch ohne Anker. Abhilfe schafft übrigens auch ein Driftanker. Was ich in Kontinentaleuropa häufig sehe, habe ich in Irland oder Norwegen noch nie gesehen – außer an meinem Boot. Notfalls hilft auch schon die blaue Ikea-Tüte an wenigen Metern Tau.

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Ob vom verankerten oder driftenden Boot, die Angeltaktik auf die Lauerräuber ist dieselbe wie von der Klippe. Der Spinnköder muss möglichst dicht über die Unterwasserstruktur geführt werden, im Sichtbereich der Pollacks. Allerdings können vom Boot aus durchaus ein paar schwerere Jigbleie und Blinker mit an Board. Vom driftenden Boot kommen sie so schneller in die heiße Fangzone runter. Dennoch ist hier eher leichtes Spinnfischen angesagt. In 50 Prozent der Fälle reicht eine Spinnrute bis 40 Gramm Wurfgewicht, im Rest der Fälle bin ich bisher immer mit einer mittelschweren Spinnrute mit einem Wurfgewicht bis ca. 80 Gramm ausgekommen.

Der Bootsangler hat gegenüber dem Klippenfischer den Vorteil, dass er noch besser parallel an der Unterwasserstruktur entlangfischen kann. Bezüglich der Unterwasserberge habe ich sehr gute Erfahrungen mit Stellen gemacht, an denen es zumindest in eine Richtung weg von der Erhebung mindestens 20 Meter tief ist und die Bergspitze bis zu wenigen Metern unter die Wasseroberfläche reicht. In Norwegen sind übrigens viele küstennahe Untiefen mit einer Stange markiert. Einfacher lassen sie sich nicht finden. Allerdings sollten Sie bei der Andrift auf derartige Untiefen immer die Wassertiefe im Auge behalten, und den Motor besser laufen lassen! Auflaufen wollen Sie ja schließlich nicht.

Mit der Flut kommen die Bisse

Hinsichtlich der Tide habe ich sowohl in Irland als auch in Norwegen beste Erfahrungen mit der geläufigen Regel „Zwei Stunden vor Höchststand bis zwei Stunden nach Höchststand“ gemacht. Häufig gab es ganz eindeutig eine Zeitphase mit höherer Bissfrequenz. Diese lag stets im oben genannten Zeitfenster. Was im Umkehrschluss nicht heißen muss, dass abseits dieser Zeitspanne keine Pollacks beißen. Richtig gut gefangen haben wir übrigens häufig in den Abend- und frühen Nachtstunden. Erfolgt der ersehnte Biss endlich, muss das übrigens nicht immer ein Pollack sein. In Irland rauben vor den Klippen auch Makrelen, Wolfsbarsche und Meerforellen. Dieser immer mögliche „Beifang“ macht das Abenteuer Klippenfischen nochmals spannender. In Norwegen schwimmen neben den Pollacks auch schon mal Dorsche und kleine Köhler. Wo immer Sie es im nächsten Urlaub versuchen, viel Erfolg bei der Jagd auf die Lauerräuber!

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