Das dicke Ding

Wenn eingefleischte Raubfischangler „mal Feedern“ wollen, gibt es oft ein Problem: Es fehlt an passendem Gerät. Aber wenn dann ein unverhoffter Beifang den Köder nimmt, kann einem so ein improvisierter Ausflug schnell die schönsten Angelerlebnis des Jahres bescheren.

 

Text: Clemens Strehl

   Fotos: Sebastian Forst

 

Als Raubfischangler angelt man ja eher selten gezielt auf Weißfische. Vielleicht einmal nebenher, um ein paar Köderfische zu stippen. Aber aus irgendeinem Grund kamen mein Angelfreund Sebastian und ich auf die Idee, mit der Feederrute an der Talsperre einen Ansitz zu wagen, anstatt die übliche Uferrunde mit der Hechtspinnrute um den See zu drehen. Am Abend vor unserer Verabredung suchte ich Rute und Rolle zusammen: Eine bisher unbenutzte leichte Feederrute stand in der Ecke, und neben meinen Spinnrollen mit geflochtener Schnur lag eine einfache Stationärrolle mit dünner monofiler Schnur, die ich irgendwann mal als kostenlose Beigabe bei einer Angelladen-Eröffnung bekommen hatte. Ich hatte sie mir irgendwann mal für das einfache Köderfischfangen bespult. Beim Feedern ist ja bestimmt nicht mit großen und kampfstarken Fischen zu rechnen - dachte ich mir. Also verschwand die einfache Rolle flugs im Gepäck für morgen.

 

Auf die Förmchen, fertig, (f)los

 

Jedenfalls finden wir uns nun am Wasser wieder, ganz ohne Wobbler und Gummifische, sondern mit Lockfutter, Rutenständer und Methodfeeder-Ausrüstung. Sebastian hat sich beim im Angelshop seines Vertrauens beraten lassen und alles Nötige für uns eingekauft. So erledigen wir die nötigen „Arbeitsschritte“ schnell nach Anleitung: Angelköder im Methodfeeder-Förmchen platzieren, Lockfutter in die Form drücken, Methodfeeder in die befüllte Form pressen, Förmchen entfernen, fertig! Allerdings wollen wir den empfohlenen Miniboilies als Ködern nicht trauen und setzen deshalb lieber auf den uns bekannten Wurm. Der ist beim Methodfeeder-Angeln ja eher unüblich, wie ich später erfahren sollte.

 

Unsere Würmer fliegen nun im hohen Bogen in die Talsperre. Wir lassen sie zum Grund sinken, spannen dann die Schnur ein wenig über die Rolle und legen unsere Ruten in den Rutenständern ab. Es tut sich allerdings zunächst wenig, und bis auf das gelegentliche Köderkontrollieren, neu bestücken und wieder auswerfen ist ja auch nicht viel zu tun. Doch das empfinde ich als ganz angenehm. Einfach mal im Klappstuhl zurücklehnen, Rute, Wasser und Talsperre beobachten und nichts tun. Angeln kann wirklich entspannend sein!

 

Der große Platsch

 

Wir amüsieren uns grade ein wenig über das Rentnerehepaar, das nun schon zum bestimmt vierten Mal mit seinen E-Bikes den Talsperrenweg oberhalb von uns bis zum verschlossenen Tor hin- und wieder zurückfährt. Ob die beiden nun ihren Weg nicht finden können, in einer Zeitschleife gefangen sind oder einfach nur den Hügel auf dem Talsperrenweg zum Testen ihrer E-Bikes nutzen wollten, können wir nicht abschließend erörtern, denn etwas erregt unsere Aufmerksamkeit: Es platscht lautstark am anderen Ufer der Bucht!

 

Ich überlege nicht lange und werfe meinen frisch beköderten Methodfeeder in die Richtung, an der mehrfach ein größerer Fisch an der Oberfläche gewesen ist. Der Methodfeeder benötigt die üblichen Sekunden bis zum Grund, dann erschlafft die Schnur. Ich spanne sie ein wenig über die Rolle und lege die Rute im Rutenhalter ab. Plötzlich biegt sich die feine Feederrutenspitze. Sofort ergreife ich die Rute. Schnell ist mir klar, da hängt etwas Dickes!

 

Schon geht der Fisch am anderen Ende ab wie ein U-Boot. Die Schnur wird laut knatternd von der billigen Rolle gezogen. Ganz so als ob die günstigen Komponenten dieser einfachen Rolle mir sagen wollten: „Was soll das? Dafür sind wir nicht ausgelegt!“ Und genauso sorgenvoll schaut Sebastian jetzt abwechselnd mich und die Rolle an. Ich löse die Bremse lieber noch weiter, der Fisch nutzt das direkt, um aus der Bucht heraus zu schießen. Nun versuche ich statt über die Bremseinstellung lieber mit dem Daumen, die Spule gefühlvoll abzubremsen und gleichzeitig über die Rute Druck auf den Fisch auszuüben. Für einen kurzen Moment scheine ich ihn auszubremsen.

 

Doch dann wendet der Fisch von seinem Volldampfkurs geradeaus Richtung offenes Wasser nach rechts und schießt in einem Bogen auf das Ufer zu. Dummerweise läuft die Uferpartie rechts von uns sehr flach aus. Und so dauert es nicht lange, da merke ich, wie der Fisch sich irgendwo an der flachen Uferkante festgesetzt hat. Wahrscheinlich hat sich der Futterkorb irgendwo verhakt. Mist! Ich laufe jetzt dieser Stelle rechts von mir entgegen und hole dabei Schnur ein, um die Spannung aufrecht zu halten. Sebastian steht schon gebannt mit dem Kescher im Anschlag neben mir.

 

Ich erhöhe vorsichtig den Druck, die Feederrute krümmt sich bedenklich. Ein Ruck, noch ein Ruck, spürbar kommt etwas in Bewegung. Und dann bekomme ich den Fisch frei! Ein dicker, bräunlich-goldiger Rücken taucht an der Oberfläche auf und dreht sich zur Seite. Der Karpfen gibt uns eine Chance, ich ziehe ihn jetzt in Sebastians Richtung. Der nutzt die Chance perfekt, die Keschermaschen des im Vergleich zur Masse des Fisches kleinen Netzes schließen sich um den dicken Fang! Fantastisch, mein erster Fang mit der Feederrute! Und dann gleich einer, den Sebastian und ich so schnell nicht vergessen werden.

 

Auch wenn wir klassische Raubfischangler sind, werden Sebastian und ich sicher nicht zum letzten Mal mit Friedfischangelausrüstung und Klappstuhl unterm Arm ans Wasser gezogen sein. Auch wenn wir diesen Fang so leicht nicht übertreffen werden…