Gewässer, die wir lieben und hassen

Die Umgebung ist fürchterlich, das Angeln mehr schlecht als recht, aber trotzdem kehren wir immer wieder zurück? Unser Autor hat sich ein paar Gedanken gemacht, warum dies so ist. Und warum wir Gewässer gleichzeitig lieben und hassen können.

Von Dominic Garnett (Text und Fotos)

Ich entschuldige mich schon mal halbherzig für das, was ich jetzt schreibe. Weil alles, was Sie jetzt lesen werden, zwar wahr ist, aber doch subjektiv eingefärbt. Aber manche Dinge müssen halt klargestellt werden. Vielleicht hängt mein Drang zur Beichte auch damit zusammen, dass ich mich gerade kurz vor Ostern mitten in Polen befinde. Und das ist weit entfernt von dem leichten Ostern, das ich von daheim in Großbritannien kenne. Tausend Meilen östlich davon ist es für Zeit für Fasten und Selbsterkenntnis.

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Und wie ernst sie ihr Geschäft hier nehmen! Mein Schwiegervater hat von einer Packung extrem starker Zigaretten pro Tag auf null runtergefahren. Fleisch, Alkohol und Kuchen ist bis zur Messe am Sonntag ebenfalls tabu. Alles ist schwer und religiös. Selbst das TV-Programm bringt gnadenlosen Katholizismus: Es ist gerade einmal Freitagnachmittag, und ich habe Jesus schon zweimal gekreuzigt gesehen!

Meine Schwiegermutter ist gerade von der Beichte zurückgekommen. Vielleicht bin ich jetzt am Zug, denn so wenig religiösen Glauben ich auch in mir habe, so können wir doch alle von Zeit zu Zeit eine kleine Läuterung vertragen. Und geben wir es doch zu, dem ganzen Angeln könnte eine ernsthafte Säuberungsaktion nur guttun, denn seine Grundwerte sind völlig verschmutzt worden. In dieser Hinsicht sind wir Angelschreiber natürlich auch schuldig. Wir filetieren ständig unsere Erlebnisse und lassen die Eingeweide raus, um nur die sauberen, erfolgreichen Teile zu zeigen.

Ebenso wie man nie einen schlechten Angelgerätetest liest oder den grinsenden Experten sieht, wie er schneidert, kann ich mich nicht daran erinnern, bei den Gewässerreportagen etwas anderes gelesen zu haben als eine rührende Huldigung. Und nun möchte ich Sie, um noch ein Körnchen Wahrheit hinzuzufügen, an einige meiner Angelgewässer führen, an denen meine Erfahrungen nicht kontroverser sein könnten. Manche von ihnen hasse ich wie die Pest und kann sie trotzdem nicht aufgeben, andere bestätigen mir, dass Liebe und Hass keine Gegensätze sind, sondern gemeinsam Seite an Seite die Zeit im dreckigen Setzkescher des menschlichen Herzens vertrödeln.

Jeder Angler hat ein spezielles Gewässer, das seine Angelerziehung geprägt hat. Bei mir war es unglücklicherweise der Exeter Ship Canal, auch als Exeter Shit Canal bekannt. Wenn Sie es nicht aus eigener Erfahrung wissen: Das Wort Kanal im Namen verleitet Sie vielleicht dazu, sich einen schönen kleinen Platz auszumalen mit gemütlichem Angeln. Aber es ist ein Biest von einem Gewässer, sehr tief, breit und voller Kraut. Das Angeln dort ist schwierig, selbst wenn es gut läuft, und mich schüttelt es bei dem Gedanken, wie viele Leute hier aus Frust schon ihre Angelkarriere beendet haben. Jedes Mal, wenn ich im Angelladen „Exeter Angling Centre“ bin und die Bedienung schickt einen Neuling oder Touristen raus an den Kanal, will ich immer schreien: „Nein, tut es nicht! Denkt daran, was ihr ihnen antut!“

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Der Kanal ist heutzutage eines dieser sehr wechselhaften Angelgewässer. Ich sage „heutzutage“ wie es alle Angler tun, als ob ich meine Augen schließen und mich dann an längst vergangenen goldene Zeiten erinnern könnte. Aber es gab solche Zeiten nie, es sei denn, Sie sehen winzige Barsche und die üblichen kleinen Brassen als irgendeine Art von Angler-Himmel an. Aber vielleicht sollte ich gerade deshalb sehr dankbar für diese Jahre meiner frühen Anglerkarriere sein, die mich lehrten, die kleinen Erfolge beim Angeln schätzen zu lernen, etwa den fast schon wundersamen Fang eines Hechtes oder die Abendsession, die mir meine erste Schleie brachte statt einen weiteren Aal.

Weniger nostalgische Erinnerungen gibt es leider auch. Eine ist der Urlaub, als ich Opfer eines unprovozierten Angriffes wurde und mit blauen Flecken und blutiger Nase nach Hause torkelte. Eine andere ist das Phänomen des bedauerlichen, geisteskranken Mannes, der für mehrere Jahre den Leinpfad entlangging und alle 20 Sekunden jemanden anschrie, der nicht da war. Bis heute spüre ich manchmal immer noch ein wenig Angst, wenn ich nachts angle oder sich die lokalen Neandertaler im nahen Double Locks Inn treffen. Aber trotzdem angle ich immer noch an diesem Kanal.

Nun will ich auch kein zu schwarzes Bild malen, denn es ist auch ein Ort, an dem ab und zu Großartiges passieren kann und der auch die Träume beflügelt, die man nicht unbedingt im von Industrie geprägten Stadtrand von Exeter haben sollte. Es schwimmen dort nur ein paar wirklich dicke Karpfen und Hechte herum, deren Zahl wird aber durch Gerüchte und Übertreibungen immer wieder in die Höhe getrieben. Gelegentlich fange ich dort sogar einen überraschend kapitalen Fisch, durch die Kulisse drum herum ist das ein größeres Ereignis als ohnehin schon, und die Freude und Überraschung darüber ist dann umso größer. Trotzdem sind es nicht die großen Erfolge, sondern die heroischen Misserfolge, die mir besonders in Erinnerung sind. Etwa der riesige Aal, den ich während eines Wettfischens für einige Minuten am Haken hatte, und der sich dann wieder befreien konnte. Er hätte mir locker ganz alleine den Sieg und damit auch 60 Pfund Prämie beschert. Das war eine ganz schöne Summe für einen Kerl wir mich im Jahr 1996.

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Gibt es eine spezielle Romantik in der Enttäuschung? Ich habe oft am Kanal gesessen und darüber nachgedacht. Vielleicht ist der beste Vergleich, den ich ziehen kann, meine Liebe zum lokalen Fußballclub Exeter City FC. Die „Grecians“ sind ein viertklassiger Verein, der aus irgendwelchen mir unerfindlichen Gründen meint, er wäre so etwas wie ein unterklassiger FC Barcelona. Sie versuchen immer noch, ein ambitioniertes Passspiel aufzuziehen, ohne jemals das Budget oder das Personal für solche Art von Fußball gehabt zu haben. Nichtsdestotrotz gibt es diese ein oder zwei wundervollen Spiele von ihnen pro Saison, nach denen man als Fan glücklich nach Hause geht und mit sich und der Welt im Reinen ist. Schon am nächsten Wochenende spielen sie aber zwangsläufig wieder irgendwo zwischen mittelmäßig und grausam.

Nun, was treibt uns Gläubige immer wieder zurück, sei es an ein Gewässer oder zu einem Fußballteam, die beide meistens nur Frust bereithalten? Ab und zu habe ich öffentlich beide verflucht und geschworen, ich würde nie wieder zurückkehren, nur um eine Woche später wieder an Ort und Stelle zu sein. Was geht da nur in einem vor?

Ich will nicht zu dramatisch klingen, aber meiner Meinung nach gründen sowohl der Exexter Canal als auch das Fußballteam ihren Zauber nicht auf Erfolg, im Gegenteil. Es ist der Traum, der zählt, nicht die Erfüllung davon. Es ist die süße Sehnsucht, auf die es ankommt, nicht die Befriedigung eines Sieges. Wenn es andersherum wäre, würde ich Fan von Manchester United sein, wie mein Vater, und jedes Wochenende unzählige Karpfen im Tümpel am Ende der Straße fangen.

Vielleicht ist die fürchterliche Wahrheit, dass, selbst wenn sich der Kanal oder das Team oft erbärmlich präsentieren, man immer noch dieses unheimliche Gefühl hat, dass man dort hingehört. Es ist diese Art von Schmerz, die sowohl Freude als auch Leiden bereithält, aber über allem steht das Hingehören. Ich kann es nicht einfacher ausdrücken.

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Ein anderes meiner lokalen Gewässer mit einem Jekyll-und-Hyde-Charakter ist Creedy Lakes. Es könnte ein so schönes Gewässer sein – wenn die meisten Karpfenangler nicht wären. Ich weiß, das hört sich ein wenig berechnend an, aber sie machen sich nun mal selbst zu einem einfachen und unausweichlichen Ziel. Weil die meisten größeren Karpfen in Devon in privaten oder überteuerten Gewässern herumschwimmen, ist der größte See von Creedy Lakes ein Magnet für all die übelgelaunten Hardcore-Karpfenangler in Camouflage, die dort mit ihren Batterien von dicken Ruten und Big-Pit-Rollen auftauchen, die Schnüre quer über den See gespannt. Alle sechs Stunden oder so macht sich einer dieser Leute vor Freude fast in die Hose, weil einer der fünfzig Bissanzeiger plötzlich Alarm schlägt und die Hölle losbricht.

Okay, vielleicht war ich nicht ganz ehrlich: Es ist viel schlimmer! Boilies landen zu Tausenden im See, gekochter Hanf ist dagegen verboten. Selbst an Wochentagen gibt es vor Sonnenaufgang schon Schlangen am Tor im Kampf um die besten Plätze. Aber es ist diese exzessive Engstirnigkeit, die mir am meisten stinkt. Einmal bin ich tatsächlich angemacht worden, weil ich mit der Pose auf Karpfen geangelt habe. Der Typ neben mir schaute mich so ungläubig an, als sei ich ein Vollidiot oder irgendein gefährlicher und unverantwortlicher Exzentriker.

Was treibt mich denn nun an dieses Gewässer zurück? Um ganz ehrlich zu sein, ist es teilweise wohl so, dass es diese Momente sind, wenn ich inmitten dieser Drei-Ruten-Brigade sitze und all die knurrenden Kommentare von rechts und links kommen, wenn ich einen Fisch gehakt habe. Meine tollkühnste Fantasie ist, dass Chris Yates mal vorbeikommt und hier angelt, nur um die Verwirrung zu sehen, die sich am ganzen See ausbreiten würde.

Es gibt dazu noch eine andere Seite von Creedy Lakes, und die liegt nur ein paar Meter hinter dem großen See. Dort gibt es noch ein weiteres Gewässer, wo fast nie jemand fischt. Es ist klein und verkrautet und die Fische werden nicht so groß, zudem gibt es kaum Plätze für Rod Pods und Bivvys. Vielleicht sind die Karpfen dort deshalb schlanker, stärker und schöner. Man kann dort ein wenig durchatmen, weil gerade keiner nebenan Heringe in den Boden rammt oder eine fette Ladung Boilies im See versenkt.

Jedes Mal, wenn ich mich dorthin schleiche, fürchte ich, dass schon jemand auf meinem Lieblingsplatz sitzt, gerade schaufelweise Futter ins Wasser befördert oder ein Futterboot zu Wasser lässt, um den verzwickten 15-Meter-Wurf zu meistern. Aber fast jedes Mal bin ich erfreut und überrascht, dass dem nicht so ist, und ich frage mich dann, ob es wohl einen Angelgott gibt, der auch einen großen Bogen um den ersten See macht und sich lieber dorthin setzt, wo es ruhig und grün ist.

Ein weiteres meiner Liebe-Hass-Gewässer ist Chew Valley Lake. Manche von Ihnen haben meine Meinung darüber vielleicht schon in „Tangles with Pike“ gelesen. Ich fürchte, es hat sich seitdem nicht viel geändert. Wenn überhaupt, dann ist alles noch viel verrückter geworden. Jedenfalls habe ich gelesen, dass ein armer Trottel auf Ebay über 800 Pfund für ein Tagesticket bezahlt hat, für einen bitterkalten Tag auf einem Boot, aber immerhin mit der Aussicht, den teuersten Schneidertag aller Zeiten gebucht zu haben. Die meisten, die „Was für ein Idiot!“ riefen, hatten halt nur 200 Pfund für eine erbärmlich minimale Chance auf kurzzeitigen Ruhm gezahlt.

Ich werde da nichts bereuen, was ich geschrieben habe. Chew ist die Müllhalde aller Hechtgewässer. Oh, Entschuldigung, ich meinte, es ist das Top-Hecht-Gewässer in Großbritannien. Oder auch nicht. Es ist wie ein Wettbüro für Hechtangler, wo all die schlechten Entwicklungen im Angelsektor in geballter Ladung zum Vorschein kommen. Und dennoch scheinen die meisten von uns alles geben zu wollen für eine minimale Chance auf den Fang eines Hechtes, der so fett gefüttert wurde mit Satzforellen, dass er aussieht, als hätte er ein Kleinkind verschluckt.

Wenn ich ganz ehrlich bin, würde ich auch mal gerne eines dieser Monster fangen. Denn bei all der romantischen Vorstellung, die ich habe vom Angeln, muss man ab und zu einen Fisch von irrer Größe fangen, um in der Angelwelt halbwegs ernst genommen zu werden. Es ist so tragisch einfach wie oberflächlich.

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Trotz all dieser Vorbehalte kehre ich immer wieder zu Chew zurück, es ist wie eine schlechte Angewohnheit. Warum zum Teufel mache ich das? Vielleicht aus demselben Grund, aus dem ich ab und zu mal beim Buchmacher anhalte, um eine völlig verrückte Wette abzuschließen, oder ich ab und zu mal in einer Samstagnacht nach zu viel Alkohol wieder mit dem Rauchen anfange. Es ist irgendwie, als müsste ich das machen und dann bereuen, nur um mir in Erinnerung zu rufen, was für eine beschissene Idee das von Anfang an war.

Dasselbe gilt für den Umstand, ein kleines Vermögen dafür zu zahlen, um auf einem See herumgefahren zu werden in der Hoffnung auf einen großen Fisch, wobei es meistens nicht auf eine Viertelstunde Ruhm, sondern auf einen Tag voll ödem und schwierigem Angeln hinausläuft. Man kann das als Entschlossenheit oder Leidenschaft bezeichnen, wenn man möchte, aber hier ein weiterer Gedanke: Vielleicht ist nicht Erfolg, sondern das Scheitern die vorherrschende Erfahrung der obsessivsten und höchstdekorierten Angler? Denn wenn die Chancen auf den großen Fang so schlecht sind, ist es doch nur sich wiederholendes, Fehler ausmerzendes und oft ödes Angeln, das zum ersehnten Erfolg führt.

Ich für meinen Teil möchte für die nächste Zeit Freude und Zufriedenheit zu meinem Ziel beim Angeln machen. So wird Chew noch ein wenig warten müssen, mindestens bis Mai, wenn das Schneidern ein wenig angenehmer ist von den Temperaturen her. Und die Trostlosigkeit am Exeter Ship Canal ist bis dahin einfach noch ein wenig schöner.

Übersetzung aus dem Englischen: Dick Bowen

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