Sommererinnerungen

Von Marco Mariani (Text und Fotos)

„Die Erinnerung malt mit goldenem Pinsel“. So, oder so ähnlich, lautet ein altes asiatisches Sprichwort. Ich bin davon überzeugt, dass ein beträchtlicher Funken Wahrheit in diesen Worten steckt. Wenn ich zurückdenke an all die Fische und Erlebnisse, welche ich beim Angeln am Wasser gehabt habe, so fällt es mir schwer, viel Negatives aufzuzählen. Ich könnte zwar unzählige positive Dinge schildern, aber nur wenige wirklich negative.

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Selbst wenn vieles nicht ganz so gut gelaufen ist, wie ich es mir eigentlich vorgestellt hatte. Egal, wie übel mich die Mücken am Oulankajoki in Finnland zerstochen haben oder wie verregnet mein Trip an den Saugeen River in Kanada auch war, letztendlich war das alles immer halb so wild, und ich hatte eine tolle Zeit. Selbst als ich mit angerissener Sehne im Arm am Lachsfluss stand und vor lauter Schmerzen keine Rute mehr halten konnte, hatte ich einen famosen Angeltag. Zumindest im Nachhinein betrachtet. Hätte man mich damals vor Ort gefragt, so wäre meine Aussage wahrscheinlich ein bisschen anders ausgefallen.

Es gibt aber auch Angeltage, bei denen überhaupt kein goldener Pinsel nötig ist, um sie einzigartig zu machen. Tage, an die ich immer wieder gerne zurückdenke und die Emotionen, die ich damals erlebt habe, nochmals hervorhole und sie durchlebe. Passend zur Jahreszeit, möchte ich hier einige meiner liebsten Sommererinnerungen aufzählen. Aber Vorsicht, ich kann nicht ganz ausschließen, dass der goldene Pinsel manchmal nicht doch heimlich noch ein kleines bisschen in meine Erinnerung hineingemalt hat und das eine oder andere Detail mittlerweile noch etwas schöner ist, als es damals tatsächlich war…

 

Der Graskarpfen - Juni 2016

Ich habe lange überlegt, welche Fänge ich hier aufzählen möchte. Anfangen möchte ich mit einem Angeltag aus dem vergangenen Jahr. Ich war zusammen mit meinem Vater unterwegs an einem kleinen Gewässer, welches ich zuvor schon ein paar Mal alleine beangelt hatte. Daher wusste ich, dass sich ein paar schöne mittlere Karpfen darin tummeln und es meist nicht sonderlich lange dauert, bis der erste Biss erfolgt. Dementsprechend große Versprechen habe ich dann auch gegenüber meinem Vater gemacht, der noch nie zusammen mit mir an diesem Weiher war. Wir haben unser Tackle auf einem alten Bootssteg aufgebaut und warteten auf den ersten Biss. Wie es in solchen Situationen aber leider so oft ist, wollte an unserem gemeinsamen Angeltag einfach nichts beißen. Mit jeder Stunde, die verging, wurde es heißer und heißer, und auf unserem Steg gab es leider nicht die Spur von Schatten. Nach mehreren erfolglosen Angelstunden begannen wir am frühen Nachmittag schon wieder mit dem Einpacken, da es bis zur Abenddämmerung noch lange hin war und wir die heißen Temperaturen einfach nicht noch länger ertragen konnten. Genau in dem Moment, als ich meine Ruten schon einholen wollte, war es dann soweit.

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Mein Bissanzeiger signalisierte einen vorsichtigen Biss. Ich nahm die Rute auf und spürte zunächst nur einen leichten Widerstand. Im Laufe des Drills nahm dieser jedoch deutlich zu und ich merkte, dass ich es nicht mit einem gewöhnlichen Fisch zu tun hatte. Nach einer gefühlten Ewigkeit konnten wir den Fisch dann gemeinsam landen. Ich hatte einen der längsten Fische gefangen, die ich je über den Unterfangkescher führen durfte. Ich habe ihn zwar weder genau vermessen noch gewogen, aber ich weiß, dass meine Abhakmatte etwas zu klein für diesen Ausnahmefisch war. Und mit 1,20 Meter Länge habe ich eine sehr große Abhakmatte. Ich denke allerdings nicht nur wegen diesem tollen Fisch gerne an diesen Tag zurück. Was mich besonders daran freut ist, dass ich meinem Vater nicht zu viel versprochen hatte und er seitdem ein großer Fan dieses Gewässers ist.

Die Centrepin-Rolle - September 1993

Eine ganz andere Sommererinnerung ist der Fang meines ersten Fisches an einer Centrepin-Rolle. Ich war noch sehr jung, ich glaube 14 Jahre alt, und kannte Centrepin-Rollen nur aus britischen Angelbüchern. In diesen wurde der Rollentyp als das Nonplusultra zum feinen Posenangeln angepriesen. Dies machte mich neugierig und ich setzte es mir in den Kopf, mir so eine Rolle zu besorgen und damit angeln zu gehen.

Den ersten Rückschlag musste ich im Angelladen bei uns vor Ort hinnehmen, wo man noch nicht einmal wusste, um was für einen komischen Rollentyp es dabei eigentlich gehen soll. Ob ich nicht eine Fliegenrolle meinte, fragte man mich damals. Schnell begriff ich, dass ich meine Suche nach einer Centrepin-Rolle an anderen Stellen fortsetzen musste. Ich nahm mit meinen damals noch überschaubaren Englischkenntnissen dann also Kontakt zu einem Händler in Leeds auf, der sich auch bereit erklärte, mir die Rolle zuzusenden. Es handelte sich um eine silberne Adcock Stanton Centrepin-Rolle, deren Einzelteile aus einem Block Aluminium gefräst waren. Ich war sofort hin und weg und hätte die Rolle am liebsten sofort bestellt. Leider gab es dabei nun einen Haken - den Preis. Die Rolle war für meine damaligen Verhältnisse unvorstellbar teuer und überstieg bei weitem meinen finanziellen Spielraum.

Trotzdem wollte ich diese Rolle unbedingt haben und begann somit notgedrungen das Sparen. Ich suchte mir nach der Schule kleine Aushilfsjobs in der Nachbarschaft und ließ keine Gelegenheit ungenutzt, um irgendwie Geld für meine Centrepin-Rolle zu verdienen. Trotzdem ging es nur sehr schleppend voran, und nach einigen Monaten zweifelte ich daran, diese britische Wunderrolle jemals in den Händen halten zu dürfen. Mein Vater hatte sich das Ganze stets stillschweigend mit angesehen und dann eines Tages wahrscheinlich Mitleid mit mir. Auf jeden Fall erklärte er sich dann bereit, mir den Rest für die Rolle beizusteuern.

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Ich war außer mir vor Freude und rief sofort in Leeds an um mir das gute Stück zuschicken zu lassen. Nach knapp zwei Wochen war es dann soweit, und ich hielt die Rolle das erste Mal in den Händen. Es war schon ein tolles Gefühl, endlich die ersehnte Centrepin-Rolle mit Schnur zu bespulen. Und wie leichtgängig sie war! Es genügte schon ein leichtes Anstoßen und die Rolle drehte und drehte sich und wollte überhaupt nicht mehr aufhören, sich zu drehen. Fantastisch! Genauso leichtgängig würde die Strömung wohl auch Schnur von meiner Rolle nehmen können, sobald meine Pose im Wasser landet.

Und so war es dann auch. Ich hatte zwar noch ein paar Probleme mit dem Werfen und auch die eine oder andere Perücke, weil sich die Rolle überdrehte, aber trotzdem ließ der erste Biss nicht lange auf sich warten. Ich werde diesen Drill nie vergessen. Der direkte Kontakt zum Fisch, ohne jegliche Übersetzung. Bremsen musste ich die Fluchten mit dem Daumen auf dem Spulenrand. Ein völlig neues Drillgefühl, insbesondere, weil mein erster Fisch an der Rolle auch noch eine kampfstarke Barbe war. Ein wirklich tolles Sommererlebnis!

 

Die italienische Aal-Dublette - Juli 1984

Auch an den Fang von zwei Aalen, die mein Vater in einem italienischen Forellenbach in der Toskana überlisten konnte, muss ich stets zurückdenken. Allerdings muss ich zugeben, dass ich mich gar nicht mehr an alle Details genau erinnern kann. Ich war damals erst fünf Jahre alt und begleitete meinen Vater wie immer während des Urlaubs zum Angeln. Die Tage zuvor hatte es stark geregnet, und wir waren froh, wieder trockenen Fußes das Haus verlassen zu können. Der Bach führte einen dementsprechend hohen Wasserstand und das Wasser war völlig angetrübt. Wir suchten uns daher eine ufernahe Stelle aus, an der die Strömung nicht ganz so stark war, und mein Vater warf seine unberingte Stipprute aus. Schon nach kurzer Zeit erhielt er einen heftigen Biss, verlor den Fisch jedoch im Drill, ohne ihn gesehen zu haben. Nichtsdestotrotz warf er erneut seine Rute aus und hatte bald auch schon den nächsten Biss.

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Der Fisch kämpfte stark und machte es meinem Vater nicht einfach, ihn zur Oberfläche zu bringen. Von unseren vorhergegangenen Angeltagen war ich so kampfstarke Fische nicht gewohnt und war gespannt, was dies wohl für ein gewaltiger Fisch war, der bei meinem Vater am Haken hing. Es sollte sich herausstellen, dass es sich um einen stattlichen Aal handelte.

Ich hatte vorher noch nie einen Aal in echt gesehen und der komisch geformte, sich schlängelnde Fisch war mir etwas suspekt. Hinzu kam, dann man ihn überhaupt nicht vernünftig zu fassen bekommen konnte. Nachdem ich mir den mysteriösen Fisch ausgiebig angesehen hatte und mein Vater mir erklärte, dass der Aal ursprünglich einmal aus der Sargassosee kam, war ich sehr fasziniert von dieser Fischart. Wir konnten beide nicht so recht verstehen, wie es der Aal nur geschafft haben kann, sich bis hier zu uns in die Berge vorzukämpfen. Weit vom Meer entfernt inmitten des italienischen Festlands zwischen Weinbergen und Olivenhängen. Es gab auch niemanden, der diese Fische in den Bach gesetzt hatte.

Wie dem auch sei, zeigte es sich, dass dieser eine Fisch keine Ausnahme war und mein Vater konnte an diesem Vormittag noch einen zweiten Aal landen. Später entstand dann noch das Bild von meinem Vater und mir vor dem Tor unserer Unterkunft, welches mich immer an meinen ersten Kontakt zu diesen geheimnisvollen, schlangenartigen Fischen erinnern wird.

 

Der letzte Mohikaner - August 1995

Hierbei handelt es sich wahrscheinlich um das beeindruckendste Erlebnis, welches ich jemals beim Angeln im Sommer hatte. Es war kein rekordverdächtig großer Fisch, der diesen Angeltag krönte. Allerdings war er von einer Dramatik geprägt, die in keinem Filmdrehbuch hätte größer sein können. Und ein Happy End gab es natürlich auch. Es sei mir daher erlaubt, dieses Erlebnis etwas genauer zu beschreiben als die vorangegangenen. Es war damals Anfang August, und wir schrieben das Jahr 1995. Pünktlich zum Beginn der Sommerferien, die in Bayern ja immer ziemlich spät beginnen, waren mein Vater und ich zusammen mit Paolo und Riccardo zum Angeln nach Norwegen gefahren.

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Paolo ist ein sehr guter Freund meines Vaters aus Florenz und Riccardo ist sein Sohn, der zwei Jahre älter ist als ich. Uns allen gemein war, dass wir uns nicht viel aus den Fjorden und dem offenen Meer gemacht haben. Vielmehr interessierten uns die Flüsse im Inneren Norwegens. Dort sollte es zahlreiche Äschen, Bachforellen und Hechte geben. Zuvor hatten wir sämtliche Angelmagazine nach Beiträgen über das norwegische Binnenland durchforstet, aber trotzdem nur wenige Informationen darüber finden können. Die Medien konzentrierten sich damals meist auf die Lachs- oder Meeresangelei und schenkten den Binnengewässern kaum Beachtung. Ausnahme waren einige Hechtseen, die uns als Flussangler allerdings auch nur marginal interessierten.

Trotzdem konnten wir über italienische Bekannte von Paolo in Erfahrung bringen, dass mit teils extrem kapitalen Forellen und auch sehr schönen Äschen an den Binnenflüssen zu rechnen ist. Und das alles bei einem überschaubaren Befischungsdruck. Dementsprechend groß waren unsere Erwartungen also, als wir nach vollen zwei Tagen Anreise zum ersten Mal die Glomma in der Nähe der Stadt Os sahen.

Am nächsten Tag holten wir uns noch schnell die nötigen Fischereischeine und legten los. Jeder suchte sich eine vielversprechende Stelle aus und versuchte sein Glück. Etwas abseits von den anderen fand ich einen Platz, der mir sehr zusagte. Man konnte hier einige Meter weit in den Fluss waten und traf dann auf eine ausgeprägte Kante, an der der Fluss abrupt an Tiefe gewann. Der optimale Platz also, um meine ersten Erfahrungen mit den Norwegischen Riesenforellen zu sammeln.

Dummerweise nur hatte ich zuvor vor lauter Aufregung einen Großteil meiner Köder im Hotel vergessen und musste mich mit einer Dose Dendrobenawürmer begnügen. Ich fand dies jedoch nicht weiter schlimm, baute eine Posenmontage auf und ließ den ersten Wurm langsam an der Kante entlangtreiben. Es dauerte nicht lange, und ich hatte den ersten Biss. Anstatt mit einer schreienden Bremse an meiner Rolle fertig zu werden zu müssen, vernahm ich lediglich ein leichtes Ruckeln in der Rutenspitze. Eine handgroße Bachforelle hatte sich über meinen Köder hergemacht.

Nachdem ich sie vorsichtig wieder schwimmen ließ, wiederholte sich das Ganze abermals und abermals. Irgendwann hatte ich dann genug von den Jungfischen und beschloss, meine Angelstelle zu wechseln und woanders nach meinem norwegischen Traumfisch zu suchen. Letztendlich angelte ich den ganzen Tag an den unterschiedlichsten Stellen und genoss die mich umgebende nordische Landschaft. Von Zeit zu Zeit konnte ich sogar Rentiere beim Fressen beobachten.

Meine Fangerfolge blieben allerdings recht überschaubar, und wenn sich dann doch einmal ein Fisch für meinen Köder interessierte, dann war auch dieser alles andere als kapital. Gegen Abend kam ich dann etwas ernüchtert wieder an der Stelle vorbei, an der ich zuvor meinen Angeltag begonnen hatte. Ich hatte noch ungefähr eine halbe Stunde Zeit, bevor wir uns alle wieder treffen wollten, um zurück ins Hotel zu fahren. Also riskierte ich nochmals ein paar Würfe entlang der Kante. Und wieder bissen die kleinen Forellen, mit denen ich bereits zuvor Bekanntschaft gemacht habe.

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Hierbei bemerkte ich, dass meine Wurmdose mittlerweile fast leer war und ich nur noch einige wenige Würmer bei mir hatte. Um trotzdem noch die restliche halbe Stunde weiterangeln zu können, halbierte ich von nun an die Würmer, bevor ich sie auf den Haken zog. So konnte ich den Haken immerhin noch doppelt so oft beködern wie ohne diese Vorgehensweise. Trotzdem war es dann bald soweit, und ich war bei der allerletzten Wurmhälfte angekommen. Leise sagte ich zu dem Wurmstück: „Du bist der letzte Mohikaner! Bringe mir Glück und lasse deine Stammesbrüder nicht umsonst an meinem Marterhaken geopfert worden sein!“. Ich machte einige Würfe, und es passierte nichts. Dann tauchte aber doch noch die Pose ab und ich setzte den Anschlag.

Sofort legte der Fisch eine ausgeprägte Flucht ein. Ich war davon so überrascht und perplex, dass ich kurzzeitig wie gelähmt dastand und den offenen Rollenbügel einfach nicht schließen konnte. Vielmehr hielt ich die Schnur noch verdutzt zwischen meinen Fingern und versuchte so, die Flucht des Fisches etwas abzubremsen. Geklappt hat das Ganze nicht sonderlich gut, und das Ergebnis war, dass die Schnur anfing, sich in meinen Finger zu schneiden. Irgendwie habe ich es dann aber doch noch geschafft, den Rollenbügel zu schließen und den Fisch vernünftig drillen zu können. Es war eine mittlere Bachforelle. Kein Riese, aber doch deutlich größer als meine anderen Fänge an diesem Tag.

Ich war überglücklich und fühlte mich auch erlöst, endlich einen erwähnenswerten Fisch in der Glomma gefangen zu haben. Während der nächsten Tage konnten wir alle noch deutlich größere Fische fangen und hatten eine wundervolle Zeit. Trotzdem ist es diese eine Forelle, die mir bis zum heutigen Tage am meisten in Erinnerung geblieben ist. Leider habe ich nur ein einziges Foto von diesem Fisch, auf welchem er auch noch etwas unscharf zu erkennen ist. Umso besser erkennt man jedoch die Freude im meinen Augen, die mir dieser Fang bescherte. Das Gefühl ist kaum mit Worten zu beschreiben, das ich damals verspürte.

Nachdem ich die ganze Zeit darauf hin geangelt habe und es dann so aussah, als sei mein Ziel absolut unerreichbar, beißt in letzter Sekunde doch noch ein großer Fisch auf mein letztes halbes Wurmstück. Dies war mir bis zum heutigen Tag eine Lehre und ich denke immer wieder daran, wenn es einmal nicht so läuft und ich eigentlich schon mit dem Angeln aufhören möchte. Vieleicht muss ich ja doch nur noch eine kleine Weile bis zum Erfolg weiterangeln, ganz so wie damals, als ich fast keine Köder mehr hatte…

 

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