Die launische Prinzessin

Es gibt unter uns Anglern nicht wenige Liebhaber der Schleie. Vielleicht, weil es mit ihr ist wie mit einer schönen Frau: Sie ist geheimnisvoll und nur schwer zu kriegen. Unser Autor Domenic Kniller lässt uns an seinen Erfahrungen teilhaben.

 

Jeder kennt sie, jeder liebt sie – unsere Schleie. Doch fragt man einmal ein paar andere Angler, so fällt auf, dass nur wenige von ihnen wirklich zufrieden mit Ihren Schleienfängen sind. Woran mag das liegen? Meine Erfahrungen an unterschiedlichen Gewässern sowie eine kleine persönliche Erfolgsstory möchte ich nachfolgend mit Ihnen teilen.

Zum einen braucht man passende Gewässer. Lehrbuchmäßig wäre so ein Gewässer etwa ein kleinerer Weiher oder ein Altarm - nicht zu tief, mit üppigem Pflanzenbewuchs, mindestens aber ein paar Seerosenfelder und Totholz im Wasser. Im Frühjahr erwärmt es sich schnell und bietet der Schleie Nahrung und Deckung, beste Bedingungen also.

Doch es gibt sie ebenso in kleineren Flüssen oder großen und tiefen Baggerseen. Meist durch Besatzmaßnahmen gestützt, entwickeln sich fernab vom Fokus vieler Angler tolle Bestände, die aber vor dem der Karpfen, Brassen oder Karauschen in den Hintergrund rücken.

Vor allem Karpfen, Brassen und Schleien sind Nahrungskonkurrenten. Sie alle lieben es, mit ihren Rüsselmäulern den weichen Grund eines Gewässers nach etwas Nahrhaftem zu durchwühlen. Kommen alle drei Fischarten in einem Gewässer vor, so zeigt meine Erfahrung, dass sich Schleien sehr rar machen, wenn der Bestand an Karpfen und Brassen groß ist.

Vermutlich liegt es am Wesen der Fische. Karpfen und Brassen können echte Raufbolde sein! So konnte ich bereits mehrfach live mit ansehen, wie Karpfen und Brassen auf einem künstlich angelegten Futterplatz mit Kopfstößen gegen den Konkurrenten versuchten, diesen Spot für sich alleine zu beanspruchen. Von den Schleien jedoch, die in diesem Gewässer auch in durchaus kapitalen Größen vorkommen, fehlte jede Spur. Sind die Schleien allein dadurch bereits schwieriger zu fangen?

Bleibe ich einmal bei dem gerade erwähnten Gewässer – Schleien sind hier in der Tat eher Beifänge beim Stippen oder Matchangeln, in ganz seltenen Fällen auch beim Karpfenangeln. Jedem ist dabei nun vermutlich bewusst, dass auch die Schleien irgendwann einmal fressen müssen. Auch liegt die Annahme nahe, dass die Fische bei nicht allzu großen Gewässern nicht drum herum kommen werden, auch mal über einen von einem Angler angelegten Futterplatz zu schwimmen. Doch woran liegt es dann, dass Schleien vergleichsweise „schwierig“ zu fangen sind? Schleien sind zum einen zwar äußerst neugierige Fische, sie sind aber ebenso extrem vorsichtig und schreckhaft.

Hierzu möchte ich ein Beispiel aus meiner Vergangenheit anführen. An einem Baggersee wollte ich zusammen mit meinem Vater in den Herbstferien auf Friedfisch angeln. Wir legten uns dabei extra nicht auf eine bestimmte Fischart fest. Unser Futterplatz, den wir über längere Zeit unter Beschuss hielten, lag genau unterhalb eines alten Arbeitspontons der Kiesbaggerei. Man konnte aufgrund des glasklaren Wassers den Futterplatz in drei Meter Tiefe wunderbar von diesem Ponton aus beobachten.

Wir sahen also genau, ob die Futtergaben genommen oder liegen gelassen wurden. Nach ein paar Tagen des Fütterns schaute ich eines Abends kurz vor der Dämmerung hinunter auf das Futter, und ganz gemächlich schwammen Fische über den Platz. Es waren Brassen, Karauschen und... Schleien! Über Tage hinweg wiederholte sich ab sofort dieses Schauspiel. Am Folgetag sah der Futterplatz immer aus wie „frisch gestaubsaugt.“

Die Vorfreude stieg ins Unermessliche, und endlich kam der Tag des Angelns. Natürlich war ich mir als junger Angler zu dieser Zeit sicher, dass schon bald der erste Bissanzeiger sein Lied singen würde. Doch, Sie ahnen es sicherlich schon, es passierte – nichts! Kein Pieper, die ganze Nacht lang.

Am nächsten Morgen schaute ich sofort auf den Futterplatz hinunter und traute meinen Augen kaum! Es lagen nur noch unsere Hakenköder dort! Eindeutig erkennbar, und die Futtergaben waren weg! Hatten die Fische die Fallen enttarnt? Hatten sie die Haken oder die Schnüre gespürt? Ehrlich gesagt bleibt hier viel Spielraum für Interpretationen, und doch kommt man auf keine eindeutige Lösung. Wir blieben übrigens noch drei oder vier weitere Tage und fingen – nichts!

Am selben Gewässer sah ich eines morgens in der Dämmerung nach einer erfolgreichen Aalnacht feine Blasen aufsteigen. Das konnten nur Schleien sein! Die relativ groben Aalmontagen mit den Sechs-Gramm-Posen bestückte ich kurzerhand mit frischen Mistwürmen, warf sie etwas außerhalb des Blasenteppichs ein und kurbelte dann langsam in die Richtung der Blasen. Es dauerte nicht lange und die Pose tauchte ab! Mehrere schöne Schleien konnte ich so an diesem Sommermorgen fangen. Manchmal scheint es so einfach, und dann ist es wiederum zum verrückt werden.

Wechseln wir das Szenario: Vom großen Baggersee zum idyllischen, renaturierten Altarm eines kleinen, niederrheinischen Flusses. Extrem flach, extrem verkrautet und extrem fischreich! Nun stellt sich die Frage, wie kommt man an diesem Gewässer an die wunderschönen Fische mit den roten Äuglein heran?

Das dichte Kraut, das im Winter zum Grund absinkt, lässt das Fischen auf Grund kaum zu. Also war die erste Idee – ab in die Wathose, eine Krautharke gebastelt und pflügen, was das Zeug hält. Die so geschaffenen Lücken wurden befüttert und...geplündert! Massen an Reiherenten und das Schwanenpaar waren überaus dankbar für die einfache Nahrung. Aufgrund der geringen Tiefe von maximal einem Meter war es für die Vögel lächerlich einfach, alles weg zu fressen, bevor auch nur eine Schleie Witterung aufnehmen konnte.

Gut, dann angelte ich mit der Matchrute und leichter Futtermischung. Der Bestand an verbutteten Rotfedern fiel über meine Köder her, als gäbe es kein Morgen mehr. Egal wie groß der Hakenköder auch war, er wurde gnadenlos in die Mangel genommen, bevor er überhaupt vollständig absinken konnte. Auch das war nicht des Rätsels Lösung..

Im letzten Frühjahr war es dann, als ich es wieder einmal auf Tinca Tinca abgesehen hatte. Ich hatte einen neuen Plan – ich wollte mit der Winkelpicker fischen. Die Montage war sehr simpel. Ein kleines, fünf Gramm schweres Laufblei auf der Hauptschnur, dann eine Gummiperle und ein kleiner Wirbel – das war´s. Am ein Meter langen 20er Vorfach köderte ich zunächst ein kleines Maiskorn an, gefolgt von einem Dendrobena-Wurm. Dem Wurm wurde mittels Spritze etwas Luft injiziert, sodass ich einen ausbalancierten bzw. extrem langsam sinkenden Ködermix erhielt.

Die Idee war nun, ohne anzufüttern verdächtige Stellen anzuwerfen. Das leichte Blei rutscht hierbei ins Kraut und das lange Vorfach mit dem „schwebenden“ Köder legt sich sanft oben ab oder schwebt direkt über dem Kraut. Auf diese Weise macht man sich die eingangs erwähnte Neugierde der Fische zu Nutze. Es funktionierte, und ich konnte die Schleien an diesem Gewässer überlisten!

Ich kann nur sagen, dass es die Arbeit und die Mühe wert ist, sich einem Fisch wie der Schleie zu widmen. Jedes Gewässer hat seine Eigenarten, die geknackt werden wollen. Hat man das geschafft und liegt der goldig glänzende Fisch mit den roten Knopfaugen erst einmal im Kescher, so ist dies ein unglaublich schönes Erlebnis, das man nicht so schnell vergessen wird.

 

Der Frühling steht vor der Türe – die Schleien warten!

 

Beste Grüße und Petri Heil

 

Domenic Kniller