Auf zu neuen Ufern!

Mein Boot, mein Motor, mein Echolot: Viele Angler gehen mittlerweile nicht mehr ans Wasser, sondern nur noch aufs Wasser: Bootsangeln ist der Trend der Stunde. Am besten natürlich noch mit dem eigenen, mit Rutenhalterbatterien und technischem Gedöns aufgerüsteten Alu-Flitzer. Dabei geht aber in Sachen Spannung, Ursprünglichkeit und Entdeckertum viel verloren. Ein Plädoyer für klassisches Uferangeln.


Ich fange am besten direkt mit einem Geständnis an: Ich gehe am nächsten Wochenende Bootsangeln. Auf Hecht. Am Großen Stechlinsee. Soweit ich weiß, ist dort sowieso nur Bootsangeln erlaubt, und wenn man mit mehreren Leuten loszieht und in klassischen Ruderbooten mit eigener Armkraft vielversprechende Buchten ansteuert, dann hat das noch viel Archaisches und Gemeinschaftsstiftendes. Aber ich bin mir sicher, irgendwann wird der Moment kommen, in dem ich denken werde: Wäre auch ganz schön, wenn Du jetzt da drüben in der Schilflücke stehen und den Blinker mit einem gezielten Wurf direkt neben die Seerosen platzieren würdest.

Bootsangeln macht vieles einfacher: Man kann viele Stellen besser erreichen, schneller abangeln, am besten noch beim Schleppen, kann mehr Gerät und Köder mitnehmen, und dank moderner Technik weiß man im besten Fall auch noch, wo die Fische stehen. So muss man sich nicht die Mühe machen, nachher noch eine Stunde lang irgendwo zu angeln, wo gar kein Fisch steht. Wo kämen wir denn dahin? Was wäre das für eine Zeitverschwendung! Den Höhepunkt hat das Bootsangeln mit dem pelagischen Angeln erreicht, eine Mixtur aus Videospiel und Angeln. Nun ja, wem es gefällt.

In Sachen Steigerung der Effizienz geben sich viele Angler nicht mehr mit der klassischen „Anka“-Ruderbootvariante zufrieden oder dem in Sachen Komfort unübertroffenen irischen 18-Fuß-Boot. Nein, ein modernes Alu-Teil muss es sein, leicht, schnell, dicker Motor hintendran, zwei gut gepolsterte Drehsitze, ein Echolot, das nicht nur die Fische, sondern am besten auch noch Größe und Art ansagt. Da geht auch die letzte Angelromantik verloren.

Moment, ich habe mir doch wegen der Ursprünglichkeit extra ein Kajak zugelegt, werden jetzt einige sagen. Zurück zu den Wurzeln! Aber auch da hat schon längst ein größer, weiter, schneller eingesetzt. Unter den ganzen Rutenhaltern, Echoloten und Hilfsmotoren ist meistens das Kajak kaum noch zu erkennen. Mit einem „nackten“ Teil fährt heute kein Angler mehr los, der halbwegs ernst genommen werden will. Schade eigentlich.

Bei mir ist es noch schlimmer: Ich nenne weder Kajak noch Bass Boat mein Eigen, mein Echolot ist wahrscheinlich aus den frühen achtziger Jahren und sagt mit Müh und Not die Tiefe an (in schwarz-weiß, wohlgemerkt) und wenn ich irgendwo Bootsangeln will, muss ich mir eins ausleihen oder woanders mitfahren. Aber ich erwische mich in letzter Zeit immer öfter dabei, dass ich eigentlich viel lieber vom Ufer angle. Sei es nun an einem See, am Meer oder auch am großen Fluss, wo viele Zanderangler mittlerweile die Buhnen auch nur noch vom Wasser aus sehen.

Ich finde, das Angeln vom Ufer ist spannender, ursprünglicher und birgt noch viel mehr Naturerlebnisse. Gerade wenn man nicht am Vereinssee mit sorgsam freigeschnittenen Angelplätzen unterwegs ist, muss man sich mit den Gegebenheiten abfinden, die am Gewässer herrschen. Dann kann es sein, dass die malerische Bucht so von Schilf und Gestrüpp umgeben ist, dass man gar nicht ans Wasser kommt oder nur nach einer halbe Stunde durchs Gebüsch schlagen, mit zahllosen Kratzern an Gesicht und Händen. Wenn man es dann doch schafft, stellt sich vielleicht noch heraus, dass wegen des extremen Wasserpflanzenbewuchses sowieso kein vernünftiges Angeln möglich ist und man die Oberflächenköder zuhause vergessen hat.

Ufer-Spinnangler kennen an für sie unbekannten Gewässern das Gefühl, manchmal auf Entdecker-Spuren unterwegs zu sein. Kann das sein, dass hier vielleicht noch nie ein Angler vor mir war? Die alte Angler-Weisheit „Je weiter weg vom Parkplatz man ist, desto größer sind die Fangchancen“ hat schon so manchem Angler Christoph-Kolumbus-Momente beschert. Erst letztens dachte ich bei einer Pirsch, dass ich glatt behaupten könnte, ich wäre am Amazonas gewesen, wenn ich Fotos von der Stelle gemacht hätte. War aber nur die Lippe mitten im Ruhrgebiet.

Ich finde auch, Bootsangeln macht faul. Man blickt eher aufs Echolot, als sich auf seine eigenen Sinne als Angler zu verlassen. Uferangeln schärft dagegen noch die Sinne. Da vorne sieht es so aus, als könnte es etwas tiefer sein. Hat es da vorne nicht geplatscht? Oder ist das nur ein Bläßhuhn geräuschvoll abgetaucht? Und wenn ich eine dicke Schleie wäre, dann würde ich sicherlich diese Stelle da vorne unter den überhängenden Büschen auf meine Fressstraße mit aufnehmen.

Solche Sachen gehen einem Uferangler durch den Kopf. Oder auch: Wie bekomme ich meinen Köder oder meine Posenmontage wieder aus dem Baum oder den Seerosen? Bootsangeln versaut natürlich auch die Wurftechnik. Fast immer kann man Hänger wieder lösen, weil man mit dem Boot fast alle Stellen befahren kann. Vom Ufer aus wird das schon weitaus schwieriger mit dem Lösen. Am besten ist sowieso, man wirft so geschickt, dass der Köder 20 Zentimeter vor dem überhängenden Ast ins Wasser fällt.

Moment, Sie sind immer noch nicht überzeugt? Wie wäre es damit: Uferangeln ist gemütlicher. Selbst die tollsten Sitze auf dem modernsten Boot können Beine ausstrecken auf einem gemütlichen Klappstuhl oder Räkeln auf einer Karpfenliege nicht ersetzen. Wer schon mal nach einem langen Tag als orthopädischer Pflegefall vom Boot gestiegen ist, der weiß, wovon ich rede. Ein Lagerfeuer machen, mal eben gefahrlos im Gebüsch pinkeln gehen oder einfach mal irgendwo für 15 oder 20 Minuten verharren, die Augen zumachen und alles um sich herum auf sich wirken zu lassen, das wird im Boot eher ungemütlich.

Und wenn wir uns mal ans Meer begeben: Wie kann man schnödes Kleinboot- oder gar Kutterangeln schöner finden als das fast schon meditierende Watangeln? Oder – bei uns eher selten praktiziert, aber in Cornwall erlebt – was gibt es Aufregenderes als Klippenfischen? Ganz nah bei den Gewalten des Meeres, das Salz auf der Haut, um mal ein wenig romantisch zu werden, und Chancen auf Fischarten, die man zuhause nicht fängt, und für mich als „Seefahrts-Weichei“ ganz wichtig: Kein Bootsschaukeln auf den Wellen, deshalb auch keine Seekrankheit! Bei mir reichen schon ein paar schräge Wellen bei Windstärke 3, um mir das Grün ins Gesicht zu treiben, deshalb sollte man diesen Umstand nicht unterschätzen.

Ich will Sie jetzt nicht komplett vom Bootsangeln abhalten. Wie Sie ja wissen, ziehe ich demnächst selbst wieder los aufs und nicht ans Wasser. Aber vielleicht lassen Sie jetzt das Boot das nächste Mal einfach mal am Steg liegen, biegen vorher links ab ins Gebüsch und entdecken Stellen, die Sie vom Boot aus noch nie oder völlig anders wahrgenommen haben. Fühlen sich vielleicht wieder ein bisschen wie damals als Kind, als sie mit dem Angeln angefangen haben und jeder Trip ans Wasser ein großes Abenteuer war. Schließen zwischendurch die Augen und lassen alles auf sich wirken: Insektensummen, Vögelgezwitscher, Brombeerranken. Und entdecken auch, wie herrlich Uferangeln sein kann.

AM HAKEN