Mission Barbe - ein Ding der Unmöglichkeit?

Was macht ein Zanderangler in der Zanderschonzeit? Na klar, er weicht aus. Unser Autor Christian Kaspers hat die Liebe zum Feedern entdeckt und kann sich mittlerweile kaum etwas Spannenderes vorstellen, als am Fluss auf Rotaugen oder Brassen anzusitzen. Und vor allem auf Barben.

 

Text & Fotos: Christian Kaspers

 

Es ist Zanderschonzeit! Für viele Raubfischfans ist das die schlimmste Zeit des Jahres, aber ich bin Pragmatiker und so weiß ich, dass immer genau dann das große Fressen der Friedfische beginnt. Die ersten sonnigen und warmen Tage im Jahr lassen mich stets von einem Ansitz auf mystische Schleien, kampfstarke Barben und die eine oder andere Überraschung träumen. Was liegt da also näher, als mich mit meinem niederländischen Kumpel Tim zu einer klassischen Feedersession zu verabreden? Auf Barben soll es gehen!

Traditionell ordere ich beim Händler meines Vertrauens sechs Kilogramm Timar „Barbe Käse“ sowie zwei Liter quicklebendige Maden. Darauf noch kurz ins Lidl reingesprungen, drei Päckchen „Grana Padano“ geriebenen Parmesankäse besorgt, und schon sind die für das Barbenangeln essentiellen Köder- und Futtervorkehrungen getroffen.

Am nächsten Morgen ertönt um zehn vor Fünf der nervenaufreibende Ton meines Weckers und reißt mich gnadenlos aus dem Tiefschlaf. Da am Vorabend der 65. Geburtstag meines Patenonkels zelebriert wurde, fällt die Nachtruhe recht kurz aus. Doch das macht nichts, wenn man in den ersten Sekunden des Wachwerdens den ersten klaren Gedanken fasst und weiß, dass man gleich in Richtung Fluss aufbrechen wird, um einem seiner Lieblinge nachzustellen. Den guten alten Polo 86c Coupè aus dem Jahre 1991 habe ich glücklicherweise gestern schon mit Rutentasche, Abhakmatte, Feederfutter und Co. bestückt. Also ab in die Klamotten, Kaffee kochen, Thermoskanne befüllen und auf geht´s!

Kurz vor sieben komme ich am verabredeten Spot an. Tim und ein weiterer Angler sind bereits vor mir eingetroffen und bauen ihr Skypod und Feedergeschirr auf. Ich schaue mir zusammen mit Tim rasch die erste Buhne links von ihm, also flussab, an, und schließe diese Buhne direkt in mein Herz. Manchmal hat man diese Momente. Diese Liebe auf den ersten Blick. Die Strömungskante entlang des Buhnenkopfes sieht verführerisch gut aus, und auch die Tatsache, dass die nächste Krippe kürzer ist als jene, auf der ich stehe, gefällt mir sehr. So kann mein Futterteppich vermutlich über eine längere Distanz Fische anlocken.

Ich entscheide mich zunächst, im Gegensatz zu Tim, meinen Rutenständer am Buhnenkopf auf der Steinpackung und nicht an der Uferseite der Buhne aufzubauen. Ich erhoffe mir, einen 140-Gramm-Futterkorb so besser in der Strömung platzieren zu können. Denn das ist einer der zentralen Faktoren beim Barbenangeln. Die Barbenstraße verläuft nicht innerhalb der Buhnen. Auch nicht an der Strömungskante, sondern wortwörtlich im Strom, im schnellen Wasser der Flüsse.

Leider war dem nicht so. Durch die zwangsweise gestraffte Schnur hebt sich auch mein schwerster Futterkorb von 140 Gramm in der starken Strömung vom Grund ab und ruht erst an der Strömungskante. Doch das macht nichts. Die Bissfrequenz der diversen Weißfische ist atemberaubend.

Ich fange in den nächsten Stunden insgesamt 23 Rotaugen, zwei Brassen, vier Güstern, eine Grundel sowie einen Aland. Von den Zupfern ganz zu schweigen. Es ist bis hierhin eine herrliche Feedersession, wie ich sie seit langer Zeit nicht mehr erlebt habe.

Doch eine Sache wurmt mich sehr: das Ausbleiben des Zielfisches. Mein liebster unter den friedlichen Flussbewohnern vergreift sich an diesem Tag lediglich an Tims Maden. Barbenspezi Tim hat nämlich bereits drei Barben am Morgen überlisten können. Danach sind diese wohl zunächst weitergezogen, da auch er in den nächsten Stunden lediglich Rotaugen, Güstern und Alande vorweisen kann.


Auch in der zweiten Barben-Beißphase bekommen lediglich Tim und ein weiterer Angelkumpel jeweils einen Barbenbiss innerhalb von Sekunden. Doppeldrill! Leider zieht Tims Barbe abrupt vor den Buhnenkopf und kann sich an der Steinpackung vom Haken befreien. Tims Mitangler hingegen darf sich nach einem spannenden Drill über seine erste Barbe des Tages freuen.


Tim rät mir, dass ich vielleicht beim nächsten Mal lieber innerhalb der Buhne sitzen soll, um meinen Köder einfacher im schnellen Wasser anbieten zu können. Er würde mir hierbei zeigen, wie ich einen Futterkorb durch eine spezielle Technik auch in der Strömung statisch platziert bekomme.
Aus dem „beim nächsten Mal“ wird schnell ein „jetzt“, also packe ich mein Gerät vom Buhnenkopf und transportiere es an die Uferseite der Buhne. Tim zeigt mir, wo ich mich bestenfalls hinhocken sollte. Denn auch die Platzwahl innerhalb der Buhne ist ein wichtiges Detail.
 

Eine Faustregel besagt, dass man sich etwa nach 2/3 flussab am Ufer einer Buhne hinsetzen muss, um Tims Feedertechnik anzuwenden. Nachdem ich den Umzug erfolgreich gemeistert habe, nimmt Tim meine Feederrute und feuert diesen vom Sitzplatz etwa im 45°C-Winkel flussauf in die Strömung.
Zeitgleich mit dem Auftreffen der Feeder-Montage auf der Wasseroberfläche hielt Tim die Rutenspitze mit einer raschen Bewegung auf Höhe der Wasseroberfläche in einem 90°-Winkel zur Hauptschnur und wartet, bis der Futterkorb am Grund des Strömungsbereiches ankommt. Darauf ändert er die Rutenstellung wieder in die ursprüngliche Position, öffnet den Bügel und gibt nach und nach durch Daumen und Zeigefinger Schnur.

„Schau, Christian, wirf stromauf, und wenn Du spürst, dass der Futterkorb am Boden ist, gib eine Rutenlänge Schnur. Die Strömung wird nun die Schnur aufnehmen und der Druck der Strämung wird den Schnurbogen in der Schnur zum Grund drücken. So ist der Druck auf dem Schnurbogen und nicht auf dem Futterkorb. So bleibt dieser auch in starker Strömung viel besser liegen. Und wenn er sich doch mal bewegt, dann bleibt er wegen des Bogens in der Spur und wird nicht an die Strömungskante gedrückt. Das ist sehr wichtig, wenn man in starker Strömung auf Barben angeln will“, erklärt Tim mir.

Und tatsächlich. Der Futterkorb blieb in der Strömung liegen, genau da, wo die Barbenstraße des Flusses verläuft. Die Hoffnung und Motivation wächst in mir. Mit dieser für mich neuen methodischen Errungenschaft sollte es doch noch klappen, oder? Kurz darauf verabschiedet sich Tim, da er das geplante Abendessen mit seiner Freundin beim Asiaten nicht versäumen will. Also heißt es Futterkörbe rausfeuern, Schnurbögen herstellen, Ruten in den Rutenhalter stellen. Auch von hier fange ich einige Güstern, Rotaugen, zwei Grundeln und sogar eine der Nase sehr ähnliche Zährte!
Für mich Spezies Nummer 34 auf der ewigen Liste der gefangenen heimischen Fischarten.

Nach mittlerweile zwölf Stunden aktiven Feederns und einkehrender Müdigkeit neigt sich die Sonne sich gen Horizont, und das farbenfrohe Licht der Abenddämmerung rundet den erfolgreichen Feedertag ab. Doch dann geschieht es doch noch! Von jetzt auf gleich krümmt sich meine rechte Feederrute auf brachiale Weise und droht, dabei vom Rutenhalter zu rutschen. Ich bin schnell zur Stelle, und wütende Kopfstöße am anderen Ende der Schnur begrüßen mich.

„Das ist sie, das ist sie, die Barbe!", denke ich mir. Adrenalin durchströmt meinen Körper und lässt mich den ewig vorkommenden, etwa dreiminütigen Drill mit höchster Konzentration erleben. Die Barbe stand inmitten der Buhne und gibt sich nicht so leicht geschlagen. Tim prophezeite mir vor Angelbeginn bereits, dass die Barben hier besonders stark seien. Eine gewisse Angespanntheit macht sich in mir breit.

Die massiven Kopfschläge werden von meiner Feederrute jedoch auf geschmeidige Weise pariert.
Erst kurz vor dem ersten Kescherversuch zeigt sich mein Gegenüber, eine tolle Barbe. Doch sie setzt noch einmal zum letzten Sprint in Richtung Buhnenmitte an und entfacht dabei seine ganze Kraft.
„Welch ein wundervolles Tier!“, denke ich euphorisiert.

Nervös hoffe ich fast im Sekundentakt, dass ich diesen Fisch nicht verliere. Nach zwei weiteren kürzeren Fluchtversuchen ist es dann soweit: Meine erste Barbe des Tages war nach zwölf Stunden Feedern und unzähligen Würfen nun sicher im Kescher! Dieses Euphoriegefühl gepaart mit Adrenalin, dem Abendlicht und dem Gedanken, dass ein Plan aufging: Das sind sie, diese Erlebnisse, von denen ein Angler noch Jahre später schwärmen wird.

Die „Mission Barbe“ ist mir also direkt im ersten Anlauf gelungen. Einen besseren Feederauftakt kann man sich nicht wünschen. Nutzen Sie doch auch mal die Raubfischschonzeit für Ausflüge ins Friedfischreich – es lohnt sich!