Meine Anglerkarre: Volkswagen Polo 86C Coupé CL | 1.3 l | (40 KW) 54 PS | Erstzulassung 12.12.1991

Der zwischen 1981 und 1994 etwa 1,7 Millionen Mal produzierte Polo 86C genießt mittlerweile ein Young- oder gar Oldtimerdasein. Wie unser Autor Christian Kaspers an diese kultige Anglerkarre geraten ist, schildert er in diesem Beitrag.

Nachdem unser spritsparender Plastik-Japaner, ein Daihatsu Cuore, im September 2012 Opfer eines Unfalls mit Totalschaden wurde, stand die Suche nach einem soliden und preiswerten Kleinwagen ganz oben auf der Agenda. Im Netz durchforstete ich zusammen mit meinem fachwissenden Alten die diversen Autoportale wie AutoScout24 nach potenziellen Kandidaten. Wir begutachteten neben unterschiedlichen Cuore-Generationen aus erster oder zweiter Hand auch die günstigsten Neuwagen auf dem bestehenden Automarkt. Ein weiteres Augenmerk legten wir insbesondere auf Volkswagen Golf-, Fox- und Polo-Modelle.

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Ein Cuore und ein Golf III waren bereits in der engeren Auswahl, als plötzlich beim Scrollen ein ganz besonderes Auto die Aufmerksamkeit auf sich zog. Ein Polo 86C Coupé CL aus dem Jahr 1991 mit sage und schreibe gerade einmal 26.000 Kilometern auf dem Tacho begrüßte uns auf dem LED-Display. „Da hat wohl jemand eine Null vergessen!“, sagte ich forsch zu meinem Vater. „Oder irgendjemand hat an der Uhr gedreht“, entgegnete er mir.


Doch das Interesse an dem auch als Polo II bekannten fahrbaren Untersatz litt keineswegs am Misstrauen gegenüber der ungewöhnlich niedrigen Laufleistung. Für einen Kaufpreis von 950 Euro machte der neue heiße Kandidat neben dem Golf III sowie dem Daihatsu Cuore definitiv das Rennen.
Also riefen wir neugierig den Verkäufer mit Sitz in Potsdam an und hinterfragten das Angebot.
Und tatsächlich: Der Wagen hatte bis dato lediglich 26.000 Kilometer runter.


Die Großmutter des Verkäufers habe den Wagen Anfang der neunziger Jahre als Neuwagen im VW-Werk erworben und konnte in den letzten vier bis fünf Jahren aufgrund mangelnder Sehfähigkeit nicht mehr gemütlich mit ihm rumcruisen. Seitdem stünde der Kultwagen trocken und behütet in einer Garage.

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„Jawoll, ein Garagenfahrzeug, das lässt wenig Rost an der Karosserie vermuten“, schoss es mir durch den Kopf. Auch auf den Bildern war nichts vom metall- und lackzerfressenden Phänomen zu sehen.
„Wenig gelaufen, Garagenauto, keine Spuren von Rost und unter eintausend Euro? Ab in Richtung Hauptstadt, auf nach Berlin!“, sagte ich euphorisiert nach dem Telefonat zu meinem Vater.


Zur Sicherheit nahm ich meinen guten Kumpel Patrick mit, der als wortwörtlicher VW- und insbesondere Polo-Freak sowie gelernter KFZ-Mechaniker das spezifische Know-how mitbringt, um die Schwachstellen der damals gut 20 Jahre alten Kutsche zu begutachten. Vor Ort bestätigte sich die mit Euphorie gepaarte Vermutung über den Zustand des Polos. So gut wie kein Rost, weder im Radkasten noch an den Türflanken. Die 26.000 standen auch tatsächlich auf´m Tacho. Das Retrogefährt aus erster Hand hatte vermutlich nur ortsgebundene Kirchenmessen und das nahegelegene Lidl besucht. Checkheft gepflegt, sogar das nostalgische Kassettenradio schlummerte funktionsfähig vor sich hin.

Schnell hatte ich mich in das Auto in Hellblaumetallic verguckt. Nach einem „Daumen hoch“ meines Kumpanen Patrick, der sämtliche Schwachstellen des 86C unter die Lupe genommen hatte, lagen auch schon die vereinbarten 950 europäischen Mäuse auf dem Tisch. „Ab nach Hüss!“, hieß es nach einem kurzen Abstecher in Berlins Stadtmitte inklusive Besichtigung des Brandenburger Tors. Den Motor aus seinem Tiefschlaf holen war die Devise.

Nach mehrminütigem gemütlichen Fahrens innerorts durfte der 1,3-Liter-Benziner auf der Autobahn Richtung Heimat nun erst einmal zeigen, was er drauf hat. Tief durchatmen und den Motor „freiblasen“. Welch´ eine Genugtuung für ihn! Er schnurrte wie ein Kätzchen. Jahre des Schlummerns als auch die vorherigen Kurzstrecken der alten Dame ließen den Motor wohl eine gefühlte Ewigkeit Geschwindigkeiten jenseits der 100 Stundenkilometer vermissen. Auf dem Rückweg schien er sichtlich erfreut über eine sich auf die Nummer 140 einpendelnde Tachonadel.

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Jetzt, fünf Jahre später, mit einer Laufleistung von 96.000 Kilometern und einem Durchschnittsverbrauch von 8 Litern auf 100 Kilometern, läuft er immer noch wie eine Schweizer Uhr. Bis auf kleinere, dem Verschleiß geschuldeten Reparaturen wie beispielsweise dem Anbringen eines neuen Auspuffs, dem klassischen Wechseln einer Glühbirne hinten links, macht der Polo II auch nach über 25 Jahren seiner Erstzulassung eine wirklich tolle Figur.


Den Polo gibt es auch mit einem Steilheck. Für den ein- oder anderen Angler vielleicht die bessere Variante. Ich jedenfalls bin tackletechnisch noch nicht an die Grenzen der Raumkapazität gestoßen. Nun ja, einmal gab´s eine Grenzwanderung zusammen mit meinem guten Freund Mario, als ein gemeinsamer Wochenendtrip zur Ruhr anstand. Doch auch an jenem Abreisetag bekamen wir sämtliche Utensilien an Board. Von der Abhakmatte, einem Zelt, zwei Liegen, Angelstühlen über Fressalien, Ruten und Rollen und auch Anfütterungsmaterial. Als geübter Tetrisspieler kein Problem für einen Polo-II-Besitzer.
 

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