Der Gipfelstürmer

Über das Wanderangeln hatten wir in der vergangenen Ausgabe einen großen Artikel. Unser Autor Alexander Bäuerle setzt noch einen drauf: Er geht am liebsten in den Bergen wandern und hat seine Fliegenrute immer im Gepäck. Und dabei fischt er an Stellen, die kaum jemals zuvor ein Angler zu Gesicht bekommen hat.

Fotos: Alexander Bäuerle
 

Neben der Fischerei gehört das Wandern in den Bergen zu meinen liebsten Hobbys. Wenn man mit letzter Kraft den Gipfel erreicht hat und auf den Weg und das Tal zurückblicken kann, ist das schon ein tolles Gefühl. Meine beiden Leidenschaften kann ich zum Glück wunderbar verknüpfen. In den Gebirgsbächen in Höhen über 1600 Metern schwimmen noch schöne Bachforellen (Steinforellen) und Bachsaiblinge rum. Wenn ich das Fliegenfischen mit dem Bergwandern kombiniere, meine ich keinen Spaziergang von 20 Minuten ans Wasser, sondern den Anmarsch zwei bis vier Stunden zu entfernten Plätzen. Diese Orte kann man eher nicht mit dem PKW erreichen. Das ist natürlich nicht „nebenbei“ zu bewältigen und setzt eine gewisse Kondition und körperliche Fitness voraus.

Das Ziel sind die hohen Gebirgsbäche und Gumpen. Wenn man diese erreicht hat, erwartet einen DIE Angelstelle, die sicherlich seit langem nicht mehr beangelt wurde. Hat man nicht sein privates Gewässer, ist dies in den meisten Breitengraden ein sehr seltenes Vergnügen. Meistens angelt man an einer Stelle, die von anderen Anglern öfters aufgesucht wird. Die Forellen in üblichen Gewässern sind oft besetzt, haben keine Chance auf Reproduktion und werden wahrscheinlich das Besatzjahr nicht überleben.

Meine bevorzugte Destination für die Hochgebirgsfischerei ist das Bräurup-Revier im Oberpinzgau. Um den Standort Mittersill im Salzachtal gelegen, gibt es die Möglichkeit, an sehr vielen verschiedenen Flüssen, Bächen und Seen zu fischen. Neben Gewässern, die man in wenigen Minuten zu Fuß vom Hotel aus erreichen kann, gibt es auch Stellen, die das Überwinden mehrerer hundert Höhenmeter erfordern. Da mir die Abwechslung und die Schönheit der Gewässer dort so gut gefällt, bin ich seit einigen Jahren regelmäßig vor Ort. An vielen Strecken lässt sich dort eine interessante Gebirgsbachfischerei erleben. Sehr schön finde ich auch die zahlreichen C&R-Strecken. Das bietet die Möglichkeit, natürliche Bestände zu erhalten und zu fördern. Absolut schonendes Fischen ist dabei Pflicht!

Damit die Tour ein Erfolg wird, sollte man allerdings einige Sachen beachten und sich gründlich vorbereiten.

Der wichtigste Punkt heißt: Gewicht sparen! Wir müssen die Ausrüstung auf ein Minimum reduzieren. Jedes Gramm zu viel ist ein ziemlicher Ballast. Ein kompletter Vorfachdispenser muss nicht sein, zwei bis drei fertige Vorfächer reichen aus. Eine kleine Spule mit 0,12 oder 0,14 mm Schnur ist universell einsetzbar. Ein kleines Döschen mit Fett oder ein kleines Fläschchen Schwimmhilfe genügen. Auch braucht man nur eine sehr kleine Fliegenbox oder Dose mitnehmen. Hierbei sind besonders große, gut sichtbare Trockenfliegen sowie beschwerte Nymphen gefragt. Wieso? Darauf komme ich noch.

Da man nur im Notfall den Fisch abschlägt, reicht ein kleiner Fischtöter aus. Im Handel gibt es dafür absolut geeignetes und wirkungsvolles Gerät. Ebenso kann auf eine Ersatzspule verzichtet werden. Die Schwimmschnur reicht völlig. Der Watkescher bleibt auch zu Hause. Daher ist das sichere Beherrschen der Handlandung mit nassen Händen absolut Pflicht! Das gesamte Angelequipment sollte letztendlich in eine kleine Box oder Tasche passen.

Als letztes ersetzen wir Wathose und Watschuhe durch Wanderhose und Wanderstiefel. Da wir mehr wandern als fischen, wird die Kleidung Richtung Wandern optimiert. Es macht wenig Sinn, in seiner Hose zu verdampfen, so atmungsaktiv sie auch sein mag. Mit Filzsohlen laufen, aber auch Klettern und an Felsen entlangschleifen würde die Lebensdauer des Watzeugs stark verkürzen. Ebenso ist der Verzicht auf das Waten deutlich schonender für das Gewässer, da die Bodenstruktur und die Bodenlebewesen nicht beschädigt werden. Der Fangerfolg wird dadurch aber nicht geschmälert. Die meisten fängigen Stellen lassen sich in der Regel gut anwerfen.

Was nehmen wir alles mit? Wanderstiefel, die bequem und eingelaufen sind! Im Idealfall auch wasserdicht, so lassen sich sehr viele Gebirgsbäche an seichten Stellen überqueren. Eine rutschfeste Sohle versteht sich von selbst. Die Kleidung sollte dem Zwiebelprinzip angepasst werden. Leichte, atmungsaktive Kleidung ist komfortabel. Je nach Wetterlage schadet auch eine Regenbekleidung nicht. Viel zu trinken sollte man auch mitnehmen, am besten ein isotonisches Getränk. Brotzeit und kleine Energielieferanten müssen ebenso mit. Zusätzlich kann man, wie ich es gerne mache, in einer der zahlreichen Almen einkehren. Eine gute Jausenplatte in Kombination mit einem eiskalten Radler ist schon was Feines!

Eine leichte Fliegenrute und Rolle versteht sich von selbst. Man kann, wenn es die Windstärke zulässt, ruhig auf die leichten Klassen zurückgreifen. Wenn doch bisschen Wind aufkommt, schadet auch eine Klasse 5 nicht. Ein Tenkarasetup wäre sicherlich auch sehr gut geeignet. Habe ich selber noch nicht ausprobiert, werde ich aber noch nachholen. Das alles gehört in einen komfortablen und großen Wanderrucksack. Man sollte an diesem auch die Rute befestigen bzw. mittransportieren können. Die Rute während der ganzen Wanderung in der Hand zu halten, ist sicherlich nervtötend. In der Hand halte ich dagegen teleskopierbare Wanderstöcke. Das ist nicht jedermanns Sache, aber es lohnt sich definitiv, diese mal auszuprobieren. Gerade wenn man wie ich nicht weiß, wo man beim Wandern seine Hände hinstecken soll.

Zur Vorbereitung gehört auch, den Wetterbericht zu beachten, damit es keine bösen Überraschungen gibt. Den Wanderweg sollte man auch auf der Wanderkarte und Google Maps einstudieren. So kann man auch die eine oder andere interessante Angelstelle ausmachen. Bei Bedarf schadet auch ein kleines Hand-GPS nicht, um diese potentiellen Stellen zu finden. Handy und die Fotokamera sind hoffentlich geladen! Das Handy sollte auch aus Sicherheitsgründen mit. Wenn man nicht zu zweit unterwegs ist, sollte man mindestens eine zweite Person mitteilen, welche Tour man vorhat und den zeitlichen Ablauf klären.

Ist der große Tag nun gekommen, steht man am besten sehr früh auf. Bis der letzte Check durchgeführt ist, das Tackle ins Auto gepackt wurde und man bis zum Einsatzort gefahren ist, vergeht doch einiges an Zeit. Wenn man zu spät vor Ort ist, kann sich diese Tatsache als ziemlicher Nachteil erweisen. Keinesfalls sollte man durch schnelles Hochhetzen versuchen, Zeit gutzumachen. Das führt lediglich zu unnötiger Erschöpfung. Diese gilt es absolut zu vermeiden. Es ist sogar meiner Meinung empfehlenswert, die ersten Wanderungen besonders langsam und kräftesparend zu wandern! Wir dürfen einen wichtigen Punkt nicht vergessen: Die meisten Wanderer legen deutlich mehr Pausen ein, während wir dagegen die Fliegenrute wedeln. Daher erstmal auch kleine Touren planen. An jeder Stelle, die man beangelt, sollte man sich ein Zeitlimit setzen. Gerade wenn man als kleine Gruppe wandert. Die Verzögerungen sind sonst immens.

Inzwischen habe ich ein festes Vorgehen, wie ich meine Touren durchführe. Zunächst wandere ich bis zum festgesetzten Ziel bergauf. Dabei halte ich Ausschau nach schönen Plätzen, die ich auf den Rückweg beangeln werde. Oben, auf dem Scheitelpunkt der Wanderung, stärke ich mich noch einmal mit einer Brotzeit und beginne danach erst mit dem Angeln. Man hat nun den Vorteil, dass der anstrengende Aufstieg geschafft ist und man Zeit und Kraft für die Fischerei besser einteilen kann. Man kann sich die Zeit auch viel besser einteilen und den ausgemachten Hotspots so besser gerecht werden.

Hat man bergauf schon alle Stellen beangelt, ist das meiste eigentlich schon vorbei und die Vorfreude weg. Der Rückweg wird möglicherweise eher langweilig. Um den Bestand zu schonen, lasse ich immer einen großen Teil der ausgemachten Hotspots Links liegen. Auch bei 100 Prozent schonend ausgeführtem C&R gibt es Fische, die verenden, da gibt es nichts schönzureden. Auch fange ich an jeder Stelle auch nur einen Fisch und setze mir auch in der Fangzahl Grenzen. Wenn ich mal viel fangen will, besuche ich ein Hegefischen und gehe an ein Gewässer, was eine intensive Fischerei aushalten kann.

Auch wenn ich auf dem Rückweg die ausgemachten Hotspots beangle, nähere ich mich diesen dennoch bevorzugt stromauf. Meistens setze ich auf gut sichtbare Trockenfliegen, die ich mit kurzen und präzisen Würfen in die kleinen Taschen platziere. Gute Taschen befinden sich oft hinter Felsbrocken oder bei Wasserfällen, wo sich dann eine Kehrströhmung bildet. Diese Einstände sind nicht sonderlich groß und haben in der Regel einen Durchmesser von unter einem Meter. Es bietet sich deswegen an, die Vorfachlänge sehr kurz zu halten. Ein guter Richtwert ist ungefähr zwei Meter.

In vielen Fällen ist der sogenannte „Pile Cast“ hilfreich. Mit diesem Trickwurf kann man das Vorfach locker in die „Pockets“ ablegen. So hat die Fliege mehr Zeit, im fängigen Bereich zu verbleiben. Sind die Gebirgsbäche etwas angetrübt und führen viel Wasser aufgrund der Schneeschmelze, kann es dazu kommen, das kein Insektenschlupf stattfindet. In diesem Fall greift man am besten zu Nymphentechniken wie das High Sticking oder das Czech Nymphing, bei denen die Nymphen senkrecht unter der Rutenspitze geführt werden. Knallige Muster sind dabei oft sehr fängig.

Generell kann man bei der Auswahl der widerhakenlosen(!) Fliegenmuster eher wenig falsch machen. Wichtig ist, dass man gerade in den rauschenden Bereichen auch Muster in den Größen unter Hakengröße 10 dabeihat. Größere Fliegen sind im schnellen Wasser für die Fische doch schneller zu orten. Da die Fische in den Bergen sehr aggressiv sind, werden die Fliegen oft ohne Federlesen attackiert.

Das alles nur für die kleinen Fische? Diese Frage wird mir öfters gestellt. Zugegeben die Fische sind zum Teil echt klein, aber ich kann diese Frage mit einem eindeutigem JA beantworten. Ganz klar befische ich wie die meisten auch gerne die großen Forellen im Salzachtal, aber mich fasziniert die Tatsache, in welcher kargen Umgebung und Höhen die Salmoniden leben. Da eine Entnahme sowieso nicht vorgesehen ist bzw. nicht zulässig ist, wird die Gesamtgröße des Fisches relativ. Für mich stehen der Sport Fliegenfischen, die Schönheit der Fische und das Gesamterlebnis im Vordergrund. Wenn ich einen kleinen natürlich aufgewachsenen Kämpfer wieder in die Freiheit entlasse, bin ich glücklich.