3, 2, 1...los!

Ob von der Schonzeit vorgegeben oder selbst gewählt, ob auf Forelle, Hecht, Zander oder auf keine bestimmte Fischart – jeder Saisonstart hat etwas Magisches. Unser Autor hat sich Gedanken darüber gemacht, woher diese Faszination und Magie kommt – und hat dafür Jan und Marcel beim Auftakt der Forellensaison begleitet.

 

Klar, der 1. Mai. Das ist immer noch das magische Datum für viele Hechtangler. Dann geht es endlich wieder los, man darf wieder den Hecht beangeln, nach Wochen, Monaten oder vielleicht einem ganzen Winter der Erinnerungen, des Ködersortierens und der Vorfreude. Ich weiß gar nicht, ob es noch allzu viele Bundesländer gibt mit Ende April als Schonzeitende, aber selbst wenn die Schonzeit eine andere ist oder gar keine mehr vorhanden ist wie an einigen Gewässern, gönnen sich viele Angler so wie ich noch das erste Mai-Wochenende als DEN Saisonstart schlechthin. Es gibt nicht iel Schöneres, als wenn sich all die Spannung in Entspannung auflöst, wenn endlich der erste – meist neue – Köder durch die Luft fliegt, ins Wasser eintaucht und die Hoffnung auf den ersten Hecht in jeder Sekunde vorhanden ist.

Für die Forellenangler heißt es meistens schon ein bis zwei Monate früher: Schnüre los und Start frei! Aber die Rituale sind die gleichen: Viel Vorfreude gepaart mit vielen Gedanken, wie der erste Tag wohl laufen wird. Und natürlich auch neues Gerät am Start. Das ist mit einer neuen Saison untrennbar verbunden. So treffen wir Marcel und Jens Mitte März an der Rur in Düren. Wer meint, dass Fliegenfischer elegante, aber auch wenig nüchterne Typen seien, der hat die beiden noch nicht beim Saisonauftakt gesehen. Schon auf dem Parkplatz ist das Leuchten in ihren Augen zu sehen, selbst das Anlegen der Wathose vollführen sie mit kindlicher Vorfreude – obwohl sie, wenn man es anmerken darf, schon einige Auftakte miterlebt haben.

Doch darum geht es nicht. Jedem Anfang wohnt ein neuer Zauber inne, heißt ein geflügeltes Wort, und das ist bei uns Angler nicht anders. Und wenn dann noch das Wetter mitspielt wie an diesem Tag, dann kann nicht mehr viel schiefgehen. Die Sonne strahlt vom Himmel herab, die Temperaturen erreichen fast 20 Grad, wenn da nicht auch die Forellen in Beißlaune sind. Unter einer Brücke geht es los, das Licht spiegelt herrlich im Wasser, und es sind immer dieselben Fragen, die man sich stellt: Fange ich an dort, wo ich auch im letzten Jahr gefangen habe? Kriege ich diesmal die 50-plus-Forelle, die mich letztes Jahr an der Nase herumgeführt hat? Und wie macht sich eigentlich die selbstgebundene Fliege als Köder?

Wir überlassen Marcel den Platz unter der Brücke, Jens versucht es 50 Meter weiter stromauf und hat bald den ersten Fisch an der Fliege. Ein schöner Saibling, der aber kurz vor dem Kescher aussteigt. Ohne Widerhaken passiert das öfter, aber Jens grämt nicht, sondern freut sich noch über den schönen Fisch, plauscht noch kurz mit einer Mutter, die am Ufer entlangspaziert – ein echter Gentleman gegenüber Fisch und Mensch, dem man die Freude über das Angeln ansieht und der sie auch Nichtanglern schnell verständlich macht. Und Zeit nimmt er sich, so viel er will – es gibt schon genug Hektik in der Welt, gerade beim Angeln. Ob jetzt eine neue Fliege den nächsten Fisch bringt?

Im selben Moment ruft Marcel, er habe eine schöne Äsche am Haken. Über 40 Zentimeter zeigt das Maßband später, als ganzjährig geschützter Fisch geht das Prachtexemplar zurück. Die Stelle hatte er schon eine halbe Stunde beangelt, erst der Fliegenwechsel brachte den Erfolg. Jeder hatte seinen Fisch, kaum dass eine Stunde vorbei ist, und man soll ja gerade beim Auftakt nicht übertreiben, und bei diesem Wetter geht es erstmal in den Biergarten, ein schöner Kaffee mit gemütlichem Plausch steht auf dem Plan. Eile? Heute nicht.

Das kenne ich auch von meinen Saisonstarts: Man fiebert dem Tag und dem ersten Wurf wochenlang entgegen, aber wenn es dann soweit ist, breitet sich diese Ruhe und Gelassenheit in einem aus: Es ist geschafft, man darf jetzt ans Wasser, die Köder laufen gut, die neue Rolle wie geschmiert, die Fische beißen auch und die Saison ist noch lang. Man muss nicht alles am ersten Tag verpulvern, nicht den dicksten Fisch fangen, sondern man freut sich, einfach wieder am Wasser zu sein, am besten noch mit guten Freunden, und seiner liebsten Leidenschaft nachzugehen. Die erste Pause legt man schneller als gedacht ein und sie wird dann durchaus mal länger, und die nächste Angelphase genießt man dafür umso mehr und noch entspannter.

Vor allem, wenn es so ein schönes Gewässer ist wie die Rur inmitten von Düren. Und Angler, die wie Jens oder Marcel seelenruhig und langsam Schritt für Schritt durchs Wasser waten, erregen natürlich beim spazierenden Volk am Ufer immer wieder Aufsehen, gerade für Kinder, für die Angler (und Angeln!) immer etwas Faszinierendes an sich haben. Die Schwünge von Jens sind so leicht und elegant, dass sie für jedes Fliegenfischer-Schulungsvideo prädestiniert werden, aber trotz aller Sorgfalt, mit der er die Fliege an die vielversprechenden Stellen hintupft, beißt nur noch eine kleine Forelle, die aber ebenfalls im Drill aussteigt. Aber was heißt hier „nur noch“? „Ich habe schon genug Fische in meinem Leben gefangen“, sagt Jens, da kann man auch den einen oder anderen Aussteiger verschmerzen.

Denn jetzt steht auch die Mittagspause auf dem Programm. Und, wie ist es Dir ergangen? Marcel hatte noch zwei kleinere Äschen und wir bestellen uns leckere Weißwurst mit Brezeln. Die Sonne wärmt, als wäre es Mitte Mai und wir wären gerade beim Hechtauftakt. Überhaupt, wie viele Saisonstarts kann man sich als Angler so gönnen? Forelle, Hecht, vielleicht auch Karpfen? Döbel im Winter, Barben im Frühsommer. Unser Autor Wolfgang Stoltenberg zieht auf seine geliebten Barben im Prinzip nie vor Ende der Schonzeit los, das ist in Nordrhein-Westfalen Mitte Juni. Vielleicht ist er allerdings durch seine vielen Reisen ins sonnige Cornwall auch nur ein wenig temperaturempfindlich geworden…

Sie merken schon, man kann so oft Saisonauftakt feiern, wie man will. Und das auch völlig unabhängig von Schonzeit oder Fischart. Oder auch ohne festes Datum. Sagen, man macht von Dezember bis März Pause und fängt dann irgendwann im April mit seiner persönlichen Saison an, auf was auch immer man dann angelt, ist völlig egal. Darauf kommt es nicht an. Es kommt eher darauf an, dass man nach einer langen Saison vielleicht ein wenig müde des Angelns ist und man wieder neue Kraft tanken muss. Damit man sich wieder richtig auf einen Angeltag freut. Und der Zauber eines Anfangs wieder da ist.

So kenne ich kaum einen Angler, selbst unter den Hartgesottenen, der nicht eine Zeit im Jahr hat, bei dem er gar nicht oder nur sehr selten angelt. Bei den meisten ist das irgendwann im Winterhalbjahr, manche verschmähen auch den Hochsommer oder können einfach aus beruflichen oder familiären Verpflichtungen manchmal wochen- oder monatelang nicht los ans Wasser. Für diese Leute kann dann schon ein stinknormaler Tag „mitten in der Saison“ ihr ganz persönlicher Anfang sein.

Das Tollste an so einer Saison ist: Irgendwann ist sie zu Ende, aber der neue Anfang steht dann wieder bevor. Und ich kenne keinen Angler, der sich nicht dem Zauber des Saisonauftakts hingibt. Ach, ich muss direkt mal schauen, wann es demnächst mal wieder losgeht!

AM HAKEN